Ein Tag in Österreich

Montag 24.04.2017 _ Grenzen sind doch was schönes! 

 

Man kann einfach drüber radeln und merkt erst an den Nummernschildern der parkenden Autos, dass man sich im nächsten Land befindet. 

Der Übergang von Tschechien zu Österreich war quasi fließend. Angesichts der noch kommenden Herausforderungen in puncto Einreise bin ich wirklich froh, dass es dieses Schengen-Abkommen gibt und wir zu Beginn unserer Reise einfach so durch die EU radeln können. 

 

Wir wachen in unserem Zelt auf, welches unmittelbar neben einem mobilen Weidezaun auf dem wohl schönsten Mix aus Pension, Biergarten und Zeltplatz der Welt steht. Petr ist der Herr des Hauses und kommt während wir frühstücken, an den drei fressenden Schafen vorbei, zu uns um nach dem rechten zu sehen. Wir waren sie einzigen Gäste in dieser Nacht und es hatte auch eher mit Glück zu tun, dass wir hier bleiben durften. Petr kann ein wenig deutsch. Deutlich mehr jedenfalls als wir tschechisch. 

Wir loben seinen tollen Bauernhof und erfahren, dass er auch eine Schafzucht mit mehreren hundert Tieren betreibt. Die drei hier auf dem Hof seien nur kuschelige Rasenmäher - eines ist auch blind sagt er. Aha! 

Wir verabschieden uns von Petr, der uns auch noch Preisnachlass gewährt, weil wir einfach nicht genug tschechische Kronen dabei haben um die Rechnung zu begleichen. Ein bisschen peinlich ist uns das schon.

Das Wetter meint es gut mit uns. Wir radeln Richtung Österreich. 

An der Grenze bzw. das, was davon übrig ist, machen wir noch unsere obligatorischen Neues-Land-Check-Blödelfotos. Danach düsen wir durchs schöne Niederösterreich. 

Schon vor der Grenze waren Weinstöcke unsere Begleiter am Wegesrand, hier setzen sie sich nahtlos fort. Wein kennt keine Grenzen! 

Die Mittagspause verbringen wir am Straßenrand unter und zwischen einigen Apfelbäumen. Das Wetter bleibt nett zu uns. 

Wir folgen immer noch dem Greenways-Prag-Wien-Radweg. Der heißt hier jetzt nur anders und die Schilder sind grün statt gelb. Diese intellektuelle Herausforderung meistern wir aber mühelos. 

Gegen 16 Uhr etwa machen wir dann kurz halt um die kommende Strecke auf der Karte nach Campingplätzen oder geeigneten Waldstücken zu durchsuchen. Wir setzen uns, Nichts ahnend, auf eine Bank vor einem Wohnhaus, direkt an der Straße eines kleinen Dorfes. Die Sonne scheint immer noch und wir besprechen die Lage. Hin und wieder rauscht ein Auto vorbei. Eher plötzlich als vorhersehbar wedelt jemand mit Sitzkissen vor unseren Gesichtern herum. Eine ältere Dame - offensichtlich die Besitzerin des Hauses inkl. Bank - reicht uns die Kissen und setzt sich dazu. Man muss an dieser Stelle schon dazu sagen, dass wir ohne die Fuchtelei mit den Kissen wohl nicht verstanden hätten, was die gute Dame will. Allein auf der Tonspur war das nämlich nicht möglich. Von allem was die Frau erzählt, verstehen wir etwa so viel wie Petr deutsch gesprochen hat. 

Doch wir kommen zurecht. 

Ich weiß nicht mehr wie es passiert ist, doch irgendwann kommt die Frage auf, ob wir etwas trinken wollen. Alkohol zum Beispiel. 

Lena und ich schauen uns kurz an. In beiden Gesichtern befindet sich ein Salat aus Fragen, Erwartungen und Befürchtungen.

  • Die spricht so schnell und österreichisch - da verstehen wir doch eh nichts 
  • Es ist schon 5 und wir müssen eigentlich noch ein paar Kilometer schaffen 
  • Könnte witzig und interessant werden - die scheint ja ganz nett zu sein 
  • Eigentlich wollten wir ja keine Einladungen mehr ablehnen 

Wenige Momente später sitzen wir bei Martina in der Küche und trinken Weinschorle. Wir kennen jetzt auch alle ihre Enkel, Ur-Enkel und entsprechende Frauen und Freundinnen zumindest von Fotos. Ich muss den Kopf einziehen beim hereintreten, das ist fast immer so bei solch alten Häusern. Drinnen hängen unglaublich viele Fotos der Familie. An den Wänden ist schon gar kein Platz mehr. Einige der Bilder müssen gar schon stehen. 

Martina hatte vor kurzem 80ten Geburtstag. Ballons und jede Menge Grußkarten schweben und liegen herum. Sie hat schon längst weißes Haar, offenbar viel Humor und schon Einiges erlebt. Mehr als einmal müssen wir mehr Wein ablehnen. Schließlich geht das bei der Sonne schnell in den Kopf. 

Wir erfahren, dass sie keinen Führerschein hat, nur den für Traktoren hat sie früher mal gemacht. Heute fährt sie mit dem Traktor immer zum einkaufen. 

Zum einkaufen.... mit dem Traktor... Wirklich? 

"na sicker!" 

Dieses "na sicker" benutzt unsere Gastgeberin etwas inflationär, ich mag es aber irgendwie. 

Obwohl wir schon längst wieder auf dem Rad hätten sitzen müssen, lasse ich es mir trotzdem nicht nehmen den Traktor mal anschauen zu dürfen. 

Nachdem dann auch die darauf folgende Führung durch Martinas Landwirtschafts- und Bauernhof-Museum vorüber ist, können wir uns von der freundlichen Niederösterreicherin losreißen. 

Als wir dann schließlich wieder im Sattel sitzen, fühle ich mich wie eine Fliege, die gerade ins Netz einer Spinne geraten war. Bei der nächsten Bank könnte schlimmeres lauern.

Es folgen noch einige miese Anstiege bis wir uns entschließen einen Bauern anzusprechen, der gerade irgendetwas auf einem Feld tut. Er läuft für unsere Augen ziellos herum und greift in den Boden. Vermutlich prüft er da gewisse Dinge auf Richtigkeit. Wir winken und sagen Hallo. 

"Servus, na wo wollts ihr hun?" 

"Eigentlich sind wir schon da" sage ich. "uns fehlt nur noch ein Platz für unser Zelt" 

Wir fragen ob wir unsere Zelt an den Rand des Feldes da stellen dürfen. Da kämen aber viele Autos vorbei, meint er. Wir könnten uns auch einfach da irgendwo weiter hinten hin stellen. 

Achso... "ist das auch ihr Feld dort?" 

"ne, aber das interessiert niemanden" 

"ihr könnt aber auch mit in den Ort kommen, da hab ich ein altes Haus. Da könnt ihr euch auch hin stellen" (übersetzt aus dem österreichischem - Anm. der Redaktion) 

Super!

Freundlich und bescheiden sagen wir, dass das nicht sein müsse, bloß keine Umstände wegen uns machen und so. Innerlich machen wir beide diese Jackpot-Bewegung bei der man den Ellbogen so nach unten zieht während man die Faust ballt. Hat wieder mal geklappt - privater, sicherer Zeltplatz für kostenlos. 

Und tatsächlich folgen wir kurz darauf Richard Richtung Dorf, der im Traktor vorweg fährt. 

Das alte Haus ist nicht mehr als eine bzw zwei alte Scheunen mit etwas Hof dazwischen. Das reicht uns doch. 

Richard fragt noch ob wir Wasser brauchen. Haben wir, danke. 

Wir genießen beim kochen noch ein paar Sonnenstrahlen, beobachten den Nachbar beim pinkeln, der vermutlich nicht mit Menschen in Sichtweite gerechnet hat und verkrümeln uns dann in die Schläfsacke. 

Am nächsten Morgen schaut Richard, kurz nachdem wir das Zelt abgebaut haben, nochmal durchs Hoftor. Wir bedanken uns und machen uns auf den Weg nach Wien.

 

Danke Österreich! 

 

Stefan

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Kommentare: 3
  • #1

    Maria (Donnerstag, 04 Mai 2017 18:15)

    Danke für einen erneuten interessanten Einblick in eure Tour...schön das ihr uns so daran teilhaben lasst. Der Platz bei Richard auf der grünen Wiese sieht sehr einladend aus :) Ich wünsche euch weitethin so radlerfreundliches Wetter und solch offene und herzliche Menschen!

    Maria

  • #2

    Harald und Anke 5. Mai (Freitag, 05 Mai 2017 19:48)

    Nun müssen wir euch doch mal schreiben, dass wir euch verfolgt haben auf eurer Tour.
    Super, dass ihr so gut zurecht kommt. Besonderen Dank für den interessanten und so launigen
    Bericht aus Österreich. Liest sich toll. Wir wünschen euch weiterhin bestes Gelingen .
    Liebe Grüße!

  • #3

    Viola (Dienstag, 09 Mai 2017 00:16)

    Hab den Bericht jetzt zum 2ten Mal gelesen, weil's hier gerade so schön ist bei euch. Was für eine Freude, all das lesen zu dürfen!
    Nehmt doch bitte weiter jede wohlmeinende Einladung an und enthaltet uns möglichst wenig davon vor. Wir werden es sicher alle geniessen. Ganz liebe Grüsse!!