iranische Familienfeier

Wir sitzen beim Cousin unseres Gastgebers, unsere Wäsche ist in der Maschine, wir haben geduscht und ein zweites Mittag im Magen. Allmählich trudeln einige Freunde und weitere Familienmitglieder ein, ich habe jetzt schon jeglichen Überblick verloren. Irgendwann kommt dann auch unsere Gastfamilie. Amir setzt sich zu uns an den Tisch, fackelt nicht lang und fragt was unsere Pläne für unseren Aufenthalt in Mashhad sind. "ähm... Bisher noch keine!" antworten wir. Worauf er uns ein "sehr gut!" entgegen trällert, denn dann hätte er jetzt einen Plan für uns. Die Familie will übermorgen für einen Tag mit Übernachtung, in ihr Heimatdorf fahren und will uns gerne mitnehmen.  

 Wir sind etwas überrumpelt und freudig zugleich. Aber entscheiden können wir uns in den nächsten Tagen ja noch. Nun sollen wir einfach erstmal entspannen und ankommen, was bei dem leckeren Essen, welches gegen 23:00 aufgetischt wird und spannenden Gesprächen ganz gut gelingt. Ein lustiger Abend mit Gesang und natürlich vielen Fragen. Inzwischen ist es, glaube ich, halb eins als wir zusammenpacken und mit unserer Gastfamilie die Straße hinunter zu deren Haus und damit ins langersehnte "Bett" fallen. 
 
Zwei Tage später 
Stefan war mit Amirs Bruder beim Fahrradladen und erklärt mir gerade den neuen Plan. Unsere Räder und das Gepäck könnten mit in das Dorf genommen werden und dann könnten wir morgen von dort starten. Klingt doch super. Heißt aber auch in einer halben Stunde gepackt zu haben, da die Taschen in einem anderen Auto mitfahren müssen als unserrre Räder und wir selbst. Naja das schaffen wir ja wohl. Ich erkläre Fatimeh noch schnell den neuen Plan bevor wir auch schon alle Taschen raus tragen. Kurzerhand werden unsere Taschen gegen eine ziemlich fragile aussehende Fahrradaufhängung getauscht. 
Eigentlich wollten wir gegen halb sechs losfahren, aber Amir schläft erstmal noch ne Runde. Dann aber soll es mal wieder ganz flux gehen. "Mhmm ihr wisst aber schon wie diese Fahrradaufhängung an das Auto montiert wird?" ne anscheinend nicht, also dauert auch dies wieder seine Zeit, aber wenig später sind Emil und Emma so gut es geht verschnürrt, wir nehmen auf der Rückbank Platz und auf meinem Schoß macht es sich der Sohn bequem. 
Jetzt geht's quer durch die Stadt und erstmal in die Werkstatt. Das Auto hat ja gestern schon Probleme gemacht. Es wird geguckt und irgendwas gemacht und dann geht's weiter, inzwischen ist es schon dunkel und der Kleine ist auf meinem Schoß eingeschlafen. An einer Tankstelle wechselt Stefan dann das Auto, da wir mit weniger Gewicht wohl schneller vorankommen würden. Wir brausen durch die Dämmerung. Irgendwann werden wir langsamer und schemenhaft erkenne ich eine dörfliche Struktur. Wir durchfahren ein Tor und wenn ich das richtig erkenne stehen hier mindestens 10 Autos und dazwischen turnen zwei Hunde herum. 
 
Feier 
Wir sind quasi die letzten, wir treten hinter Amir ins Haus und stehen im riesigen Wohnzimmer, welches voll mit Menschen ist. Wie uns "befohlen" folgen wir Amir und geben jedem Einzelnen die Hand. Ein paar bekannte Gesichter sind zum Glück dabei. Gefeiert wird der Studiumsabschluss eines Familienmitgliedes. Dass es viele Menschen werden hatten wir uns ja gedacht aber weder, dass es eine Feier gibt noch, dass es so viele Menschen werden. Es wird getanzt, selfmade Vodka getrunken, Sandwiches gemumpelt und es gibt ganz viel iranische Musik. Wir können uns nicht drücken, irgendwann befinden wir uns zwischen all den lachenden Gesichtern und den dazugehörigen, tanzende Menschen und versuchen den ungewohnten Rhythmus in Bewegungen umzusetzen. Sieht von außen sicher komisch aus, aber es macht Spaß ☺️
Inzwischen ist es 23:30, glaube ich zumindest, ein großer Teil der Gäste verabschiedet sich und nur der engere Familienkreis übernachtet hier. Hier, heißt im Haus der Eltern von Amir & seinen Geschwistern. Uns wird ein Nachtlager zwischen allen Anderen im Wohnzimmer hergerichtet. Irgendwie komisch, würde man in Deutschland halt auch nicht so machen, aber hier ist das eben ganz normal. Unsere Taschen sind noch im Auto von Amirs Bruder, also mache ich mich auf die Suche nach jenem. Tja, leider erfahre ich, dass jener woanders schläft, aber morgen wieder kommt. Ähhä. Okay. Eigentlich alles halb so wild aber ohne Schlafzeug schlafen, wenn man in der Mitte eines riesigen Raumes schläft naja. 
 
Ein Tag mit der Familie 
Vor dem Frühstück werden wir quasi gedrängt, in den Pool zu gehen. Das zweite Mal nun schon im Iran, dass ich in den Bikini schlüpfe und nicht nur mit Frauen in einem Pool plansche. Der Pool hat zwar gerade mal die Größe von 4 Badewannen, sprich ist gerade mal so breit wie Stefan lang ist, aber wir passen tatsächlich mit 5 Erwachsenen und einem Kleinkind hinein. Und warm wie Badewannenwasser ist es auch. 
Nach dem Frühstück gehen wir mit Amir auf der Plantage Tomaten, Auberginen und Weintrauben ernten. Zum Mittag finden sich alle gemeinsam im Wohnzimmer ein. Auf dem Boden wird ein riesiges Tuch ausgebreitet und darauf das Essen verteilt. Alle nehmen Platz und wer schon einen Teller mit Essen vor sich hat beginnt. Dies hat zur Folge, dass wir (ganz am Ende der "Bodentafel") gerade beginnen als andere schon wieder aufstehen. 
Danach wird gefaulenzt und ein Nickerchen gehalten, aber nicht etwa jeder für sich, nein alle zusammen im großen Wohnzimmer. Der eine hängt auf jener Couch der andere auf dem Boden und nebenbei trudelt, na klar, der riesige Fehrnseher. 
Gegen Abend sitzen wir in kleinerer Runde draußen und glücklicherweise sprechen einige in dieser Familie ziemlich gut englisch und so gehen die Fragen, durchaus in beide Richtungen, sehr viel tiefer als die Üblichen Konservationen. Zum Abend gibt es dann iranische Fisch & Chips.
Inzwischen ist es 21:00 und wir verabschieden uns von Amir und seiner Frau, aber nicht weil wir gehen, sondern vielmehr weil die wieder nach Hause fahren. Wir dürfen noch eine Nacht bleiben und fahren dann morgen wieder los. Diesmal haben wir sogar ein Zimmer für uns ☺️
 

 

P. S. Wir haben länger darüber nachgedacht /geaprochen, wie es wohl wäre, wenn bei uns in Deutschland wir zu einer Familienfeier spontan zwei nicht Deutschsprachige mitbringen würden. Irgendwie komisch darüber so nachzudenken. Aber da wir gerade erleben durften, wie völlig selbstverständlich das für alle war und wie herzlich wir aufgenommen und auch einfach noch eine Nacht da bleiben durften, können wir nicht anders als uns im Nachhinein über solche Momente zu freuen. 
Lena

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Kommentare: 2
  • #1

    Bettina (Mittwoch, 20 September 2017 19:09)

    Toll Toll toll! Genauso höre ich es immer, die wahnsinnig freundliche Gastfreundschaft der Iraner. Ihr habt es erlebt, super!!

  • #2

    Viola (Freitag, 06 Oktober 2017 15:28)

    Ich wüsste ja zu gerne, zu welchen Ergebnissen/Vermutungen ihr bei eueren Überlegungen über eure "deutschen Verwandten " und ihre Bereitschaft, spontan bei einem Fest Fremde aufzunehmen, gekommen seid!
    Spannende Frage. Ich stelle sie mir auch...
    Ich glaube, dass es bei aller "deutschen Reserviertheit" in unseren Familien eine große Gastfreundschaft, Toleranz und Neugierde gibt. Hab ich im großen Kontext nie drüber nachgedacht. Freu mich aber über die Erkenntnis!
    Genießt einfach, dass ihr willkommen seid. In vollen Zügen. Und macht unser Leben gerne bunter, indem ihr die große weite Welt mit euren wunderbaren Posts weiter bei uns reinwehen lasst!