Die Kinder des Pamir

Tadschikistan - Mitte September
"Ich hasse Kinder!" höre ich mich denken.

 

Dann korrigiere ich mich innerlich. "ich hasse DIESE Kinder". Schon wieder hat so ein Lausbube beim Abklatschen alle Kraft, die er hat in seinen Arm geworfen und mir brennt noch immer die Handfläche.
Der Pamirhighway zieht sich durch ein nicht allzu leicht zugängliches Gebirge und entsprechend ist auch die Infrastruktur dort. Es gibt wenige, kleine Dörfer bzw. Städte. Wenn man dort aufwächst, so glauben wir jedenfalls, ist Abwechslung wohl eher die Ausnahme.
Erstaunlich finden wir, dass es so viele Kinder hier gibt. Ich hätte vermutet, dass es in den Dörfern eher nur noch ältere Menschen gibt und diese Strukturen allmählich weniger werden, weil es keine Arbeit "dort oben" gibt. Doch wir wurden eines besseren belehrt.
Die Durchquerung des Pamirs mit dem Rad ist keine Ausnahmeakivität mehr. Viele Radler aus aller Welt kommen hierher.
Auch wenn wir schon die 1000ten Radler sein müssen, die durch das Dorf fahren, scheinen wir noch eine willkommene Abwechslung zu sein.
Wenn wir in eine der Siedlungen einradeln, dann dauert es nicht lange und man kann aus allen Ecken "hello, hello" hören.
Oft ist das, das einzige, was die Kleinen zu uns sagen können. Antworten wir dann mit einem "hello", dann kommt wieder ein "hello" zurück. Wenn wir darauf dann nicht mehr reagieren, wird das "hello" wiederholt. Diesmal deutlich vorwurfsvoller. "hello! Warum antwortet ihr nicht mehr? HELLO, hello"
Es scheint ein Spiel zu sein. Hello rufen, bis einer heult.
Wir geben uns Mühe immer fröhlich mitzuspielen. Hello, hello, hello,...
Irgendwann wird es uns aber auch zuviel.

 

Ständig hello zu rufen geht eben auch auf die Puste, wenn man nicht grad gemütlich rollen kann. Nach einiger Zeit nervt es auch wirklich extrem. 
Einige sind schüchtern und bleiben in den Toren der Gärten stehen, andere sind frech, rennen auf die Straße und zerren an unseren Taschen, halten uns fest. Da müssen wir dann laut werden.
Wir sehen zu verschiedenen Uhrzeiten Kinder verschiedenen Alters. Sie sind schick angezogen und offensichtlich auf dem Weg zur Schule oder von dieser auf dem Heimweg. So ganz verstehen können wir das System nicht. Es scheint nicht so wie bei uns zu funktionieren. Offenbar werden die Altersstufen zu unterschiedlichen Uhrzeiten unterrichtet.
In einem der vielen kleinen Gemischtwarenläden stehen wir herum und überlegen wieviel Snickers wir jetzt wohl kaufen als ein älterer Herr hereinkommt und uns die Trillerpfeife, die sonst an Emils Lenker hängt, wieder in die Hand drückt. Da ich es immer netter finde trotz Sprachbarriere überhaupt irgendwas zu sagen, antworte ich verdutzt -"achwas? Abgerissen? Die Kinder, die kleinen?"
Zu unserer Überraschung antwortet der Mann: "Ja, die Kleinen"... Auf deutsch!
Er ist Lehrer und unterrichtet Deutsch und Russisch. Wow. Hier wird Deutsch gelehrt!  Wir unterhalten uns ein wenig mit ihm, erfahren aber nicht wirklich viel, weil sein Deutsch dann doch nicht so gut ist.
So lausbubig wie die Jungs hier sind, so zurückhaltend sind die meisten Mädchen. Als wir 3 von ihnen langsam rollend am späten Nachmittag auf ihrem Heimweg begleiten sieht man ihnen förmlich an, dass sie sich freuen mal mit uns ohne die Jungs sprechen zu können. Mit ein bisschen english auf deren und etwas russisch (danke Frau Standfuß) auf unserer Seite gelingt etwas Kommunikation.
Die Straße ist staubig und eng, was viele Trucks aber nicht unbedingt vom schnelleren Fahren abhält.
 
Es wird langsam Abend und wir begleiten dad letzte der 3 Mädchen bis ans Ende des Dorfes. Dort geht sie in ein Haus, wechselt die Schuhe und begrüßt ihre Schwester, die an der Straße mit einer Art elektrischen Laterne auf sie gewartet hat. 5 Kilometer sei ihr zu Hause noch entfernt erfahren wir.
Wahnsinn, zu Fuß braucht man dafür über eine Stunde, das erklärt die Schwester und die Leuchte. Wir müssen noch einen Zeltplatz suchen und verabschieden uns von den beiden.
Nach nicht mal 3km finden wir ein Fleckchen, sehen die beiden am Abend aber nicht mehr an uns vorbei laufen. Evtl. wohnen sie doch etwas näher als wir verstanden hatten. 
Auch wenn es bzgl dieser Wege für Kinder noch drastischere Beispiele gibt, ist es doch etwas anderes das mit eigenen Augen wahrzunehmen. 

 

Uns wird wiedereinmal bewusst wie gut es uns und den Kindern in Deutschland im Grunde genommen geht. 
Stefan

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Kommentare: 1
  • #1

    Rüdiger (Mittwoch, 08 November 2017 18:27)

    Schöne Geschichte. Wir wissen zu wenig über andere Völker und Kulturen, aber man kann nicht alles wissen.
    Und es gibt ganz offensichtlich viele Dinge, die jeglichen Toleranzbereich überschreiten und Gegenwehr erfordern. Halte ich für richtig und notwendig, ist überlebenswichtig.