Polizeista(a/d)t

China - Anfang Oktober

 

"Was immer es auch ist, wähl nicht die 110!" 

 

Du brauchst dich nämlich nur umzudrehen, schon steht die Polizei hinter dir. 

 

Ein längerer Artikel über Polizei und Knüppel mit Fotos und Videos (Youtube-Kanal Alles in 12 Taschen)

Sirenen

Wir radeln in Kashgar ein. Die Sonne scheint, die Straßen sind breit und überall sind Roller. Es gibt extra Spuren für die kleinen Flitzer und uns. Baulich getrennt von der dicken Straße. Alle 8 Meter gibt's kleine Bremshügel, die selbst bei geringer Fahrradfahr-Geschwindigkeit nicht gemütlich überrollt werden können. Also abbremsen und wieder anpedalen. 

Alle Roller sind elektrisch. Ein Segen für den Lautstärkepegel der Stadt und für uns total neu. Das haben wir so noch nirgends gesehen. 

 

An einer Ampel höre ich eine Sirene und lache noch darüber, dass diese mit dem Rest des Verkehrs auf grün wartet. Das dazugehörige Fahrzeug mit Blaulicht steht tatsächlich wie alle anderen in der Spur und fährt erst weiter als die Ampel umspringt. Irgendwie verfehlt das den Zweck dieses Warnsignals denke ich. 

 

Es geht weiter durch die Stadt immer den Angaben des GPS Gerätes hinterher. Auf dem Weg zum Hostel merken wir langsam, dass das mit der Sirene kein Einzelfall war. Auf den Straßen patrouillen Polizeiautos. Keine kleinen PKW, nein, kleine Busse bzw. Transporter. Die Scheiben sind mit Gittern geschützt und generell wirken sie gepanzert, irgendwie militärisch. Weiß/blau lackiert fahren sie im Schritttempo durch die Straßen. Mit Sirene im Schritttempo! 

Wir sehen uns weiter um und sind geschockt. Kultur-Schock würde man das vielleicht nennen. Wir sehen so viel fremdes und dann noch diese massive Polizei-Präsenz. Das verwirrt. 

 

Wir fahren den Fahrrad bzw. Rollerweg entlang und sehen in kurzen, unregelmäßigen Abständen 3er Gruppen von uniformierten Leuten. Sie stehen im Dreieck jeweils mit dem Rücken zueinander, können also alles einsehen. Maschinengewehr, Schild und Schlagstock sind auf die drei verteilt. Anfangs dachte ich noch, die würden spezielle Gebäude bewachen, doch stehen sie überall in dieser Form herum, unabhängig von Gebäuden. 

 

Wachmänner überall

Wir kommen in die Altstadt. Dort bleibt es skurril. Beinahe alle kleinen Gassen, die von der Hauptstraße abführen sind bewacht. An jedem Abzweig sitzt jemand in Uniform. Meistens tragen sie Schutzwesten und Helm. Unterschiedliche Beschriftungen sind zu lesen. SWAT, RIOT, POLICE und natürlich ein paar chinesische Zeichen, mit denen wir nichts anfangen können. Bestückt sind diese vermeintlichen Polizisten mit Funkgerät und Schlagstock. So sitzen sie da, auf Plastikstühlen und wachen. Was bewachen sie? Warum bewachen sie? 

 

Wir erkunden die Stadt und es wird immer befremdlicher. An großen Kreuzungen gibt es nur Unterführungen statt Ampeln für die Fußgänger. An jedem Ausgang sitzen 3 Wachleute. Sie bedienen einen Röntgenapparat, wie man ihn vom Flughafen kennt. Man muss Tasche oder Rucksack hindurch schleusen. Danach gehts durch die Türrahmen, die man ebenfalls von Flughäfen kennt gefolgt von Handscanner und Abtasten. Diese Maßnahme ist schon seltsam genug, sie wird aber noch fragwürdiger als wir - weil wir offensichtlich ungefährliche Touristen sind - einfach so an den Checks vorbei gehen dürfen und auch der Rest der Passanten eher dürftig überprüft wird.

Wir brauchen Bargeld. Also suchen wir eine Bank. Auch hier gibt's 2 oder 3 Wachleute inkl. Scanner. Ich werde sogar gefragt, was ich in der Bank möchte. Ununterbrochen ist die Sirene der Polizei-Wagen zu hören. Manchmal fahren zwei von ihnen direkt hintereinander. Kein Grund für einen der beiden die Sirene abzustellen. 

 

Gitter überall

Jedes Geschäft ist gesichert. Möchte man ein Einkaufs-Zentrum betreten muss man durch einen Scanner. Wo es keine Scanner und Wachleute gibt, dort gibt es Gitter. Jeder Kiosk ist nur durch eine Tür innerhalb eines Stahlgitters zugänglich. Von innen muss jemand einen Knopf drücken, damit sich die Tür öffnet. Das gilt für die feine Boutique genauso wie für den 4qm großen Ramschladen. Die Polizei ist nicht nur mit Fahrzeugen und Personal präsent, es gibt auch an jeder Ecke ein kleines oder größeres, blau/weißes Gebäude mit blau/rot flackerndem Licht. Natürlich stark bewacht.

 

Wir fragen uns die ganze Zeit, was die roten Armbinden zu bedeuten haben. In der ganzen Stadt laufen Leute herum, die eine rote Armbinde mit Schriftzeichen darauf tragen. Als Deutscher hat man da schnell eine unschöne Assoziation... Doch auch viele der Uniformierten tragen sie, so dass es hier wohl eher eine gute Sache ist, diese zu tragen. 

Polizisten, Kiosk-Besitzer, Straßenstand-Betreiber, alte und junge Menschen. Es ist kein Muster zu erkennen. Einige von ihnen sitzen vor Geschäften und bewachen diese. Bewaffnet sind sie mit großen Holzknüppeln. Die Knüppel sind geformt wie Baseball-Schläger aber deutlich größer als diese. Einigen gehen sie bis zur Brust und sie können sich bequem darauf abstützen. 

Ich kann meine Meinung dazu garnicht recht in Worte fassen. Holzknüppel! Das wirkt so unfassbar mittelalterlich auf mich. 

 

In einigen Lokalen stehen die großen Knüppel auch innen neben dem Eingang und die Angestellten oder Besitzer tragen die roten Armbinden. 

 

rote Armbinden

Und auch das wird noch übertroffen als wir durch die Straßen laufen. Wir sehen eine Gruppe der rot markierten Leute in einer Reihe nebeneinander stehen. Vor ihnen läuft ein uniformierter Mann mit Maschinengewehr. Es sieht aus als würde er sie jetzt nacheinander erschießen. Doch stattdessen brüllt er sie an woraufhin sie ihre Knüppel schwingen und je nach Kommando Schlag- oder Stoßbewegungen damit üben. 

Unglaublich. Was geht hier nur vor? 

Ausbildung von Schlägertrupps auf offener Straße? 

 

Wir sind maßlos verwirrt. Ich suche im Internet nach Erklärungen. Das Internet ist übrigens in ganz China zensiert. Viele, viele Seiten sind nicht aufrufbar. Dazu gehört Google, Facebook, Youtube und so ziemlich alles andere, was inhaltlich nicht so gut kontrollierbar ist. Ich finde nicht viel dazu. Ein Zeichen dafür, dass dieses Thema recht unbekannt ist. 

Später erfahren wir etwas mehr aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung (danke Martin) und aus unserem Reiseführer. Recherche von Freunden bringt uns auch noch etwas weiter (danke Steffen) 

Die Armbinden-Träger gehören tatsächlich zu einer freiwilligen Bürgerwehr. Angeblich steht auf den Armbinden folgendes:

"Der Mann der schlechte Gedanken hat muss gezüchtigt werden" 

 

Klingt alles total verrückt. Wer sich mehr mit den Hintergründen befassen möchte, kann sich gern bei uns melden. 

Verstecken oder Hotel

Wir verlassen die Stadt Richtung Osten, Richtung Wüste. Wir wissen, dass Wildcamping verboten ist, man theoretisch jede Nacht in einem Hotel registriert sein muss und geben entsprechend Acht, dass uns niemand bemerkt, wenn wir abends die Straße verlassen und das Zelt aufschlagen. Doch gleich der erste Abend endet schonmal gezwungenermaßen nicht in freier Wildbahn. 

Wir sind nämlich leider so dumm erst gegen Abend durch eine Stadt fahren zu wollen. 

Vor dieser Stadt gibt es einen Checkpoint. 

Unsere Pässe werden kontrolliert. Dazu werden wir erstmal in das kleine Gebäude hinein gebeten. Dort sitzen wir nun und warten erstmal bis ein großer Polizist mit Maschinengewehr und Helm den Raum betritt. Der scheint hier der Chef zu sein. 

Es dauert und so recht wissen wir nicht worum es geht. Wir ahnen aber schon, dass wir in ein Hotel müssen. 

So kommt es dann auch. Mit Hilfe von Smartphones wird geklärt, dass wir in genau dieses und jenes Hotel gehen sollen. 

Wir tun das dann auch, aus Angst die Polizei könnte später einen Kontrollanruf dort tätigen. Naja, es gibt Schlimmeres. Nächstes Mal wissen wir es besser. 

 

Wir fahren weiter Richtung Osten. Es folgen unzählige Checkpoints. Alle sind verschieden im Vorgehen mit uns. Wir sind genervt. Oft müssen wir warten, bis jemand versteht was er mit unseren Pässen machen soll. Manchmal werden uns Formulare  hingelegt, die wir ausfüllen sollen, natürlich alles in chinesisch. Meistens begreifen sie nicht, dass wir das nicht lesen können und nicht wissen, welche Information in welches Feld soll. 

Einige sind nett und unkompliziert, andere mürrisch und einfach nur bescheuert. 

 

Ständig gibt es Kameras über der Straße, die jedes Auto fotografieren. Manchmal knipst es auch bei uns. 

 

Bevölkerung eingesperrt

Wir fahren durch Dörfer in denen die Uiguren leben. Nach einer Weile wird uns das Ausmaß der Kontrollmaßnahmen bewusst. Es ist schlimm. Jede Straße, die von der Hauptstraße abführt, ist mindestens mit zwei Kameras überwacht und zu 90 Prozent sind die Straßen mit dicken Barrikaden versperrt. Oft sitzen auch noch Wachleute daneben. 

Die Einwohner sind quasi eingesperrt.

  

Als wir wieder mal einen Checkpoint passieren wird uns dort gesagt, dass die nachfolgende Straße gesperrt sei. Autos könnten über den großen Highway fahren. Wir allerdings werden kurzerhand in einen kleinen Transporter verfrachtet und um die Baustelle herum gefahren. 

Dabei fahren wir durch die ländliche Gegend abseits der Hauptstraße und trauen unseren Augen nicht. 

Wir fahren durch ein Tor, das von mindestens 4 bewaffneten Polizisten bewacht wird. Da wir im entsprechenden Gefährt sitzen öffnet sich dieses natürlich sofort. Ohne dieses Taxi wären wir hier aber sicher nie hinein gekommen. Das passiert noch etwa 3 Mal so. Jede Zufahrt zu diesen Dörfern ist abgeriegelt! 

 

Jedes Mal, wenn wir eine Stadt befahren fürchten wir am Checkpoint die Frage wo wir denn hinwollen bzw. in welches Hotel wir möchten. Man muss noch dazu sagen, dass nicht jedes Hotel Ausländer beherbergen darf. Nur bestimmte (meist teurere) Hotels haben eine entsprechende Erlaubnis. Man begründet das mit der größeren Sicherheit für die Touristen. Man könne ja nicht akzeptieren, dass die Leute in billigen, gefährlichen Spielunken übernachten. 

 

Jedes Mal, wenn wir eine Stadt verlassen, fürchten wir die gleiche Frage. Oft liegt die nächste Stadt recht weit entfernt. Zum Glück werden wir stadtauswärts fast nie kontrolliert und ansonsten glaubt man uns einfach, dass wir die Strecke schaffen oder wir sagen nur, dass wir nach Xining, also die nächste Großstadt, wollen. Diese grobe Richtungsangabe reicht meistens. 

 

 

Es folgen weitere Erlebnisse, die uns sozusagen den Rest geben. 

Stefan

Videos

Ich habe selbst ein paar Aufnahmen von all dem gemacht und hier mal schnell zusammengestellt.
Außerdem hat ein netter Kerl, den wir in Kashgar getroffen haben, ein Video gemacht. Dort sieht man ein paar Dinge, von denen ich hier schreibe.   

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Kommentare: 3
  • #1

    Madlen (Freitag, 22 Dezember 2017 11:08)

    Verrückte Welt in China! Schwer vorstellbar wenn man es nicht selbst erlebt. Und wir beschweren uns über 2 Wochen Polizeipräsenz während G20.
    Kommt weiterhin gut durch und frohe Weihnachten ihr lieben �
    Schreibt mal wie und ob ihr das dieses Jahr feiert! �

  • #2

    Marco (Montag, 25 Dezember 2017 00:19)

    Das ist interessant. Vor zwei Wochen hatte mir ein Freund erzählt dass die Bürger in manchen Städten in China eine App installiere müssen, die das komplette Telefon überwacht, Nachrichten Bild etc. oder sonst wird mit einer Gefängnisstrafe gedroht. Nachdem ich den Eintrag gelesen habe, habe ich gerade danach gesucht und festgestellt dass ihr durch die Stadt gelaufen seid, wo diese App zuerst benutzt wurde.

  • #3

    Viola (Samstag, 30 Dezember 2017 17:14)

    Sehr bedrückend und befremdend. Alleine die Sirenen halten den Stresspegel ja schon konstant oben. Und bemerkenswert, mit welch (vermeintlicher) Ruhe die Einwohner das hinnehmen...