Mein heiliges Tier

Südost-Asien lässt uns viel über den Umgang mit Tieren nachdenken. Halten, töten, essen - vieles wird hier anders gemacht. Nicht unbedingt schlechter, aber auch nicht besser. 

Wir hatten es schon in China erwartet. Konfrontiert wurden wir damit allerdings erst in Vietnam. 

Wir wussten nicht, dass Hundefleisch hier, schon beinahe traditionell, auf der Speisekarte steht und als Delikatesse gilt. Auch Katzen lässt man sich hier servieren. 

Wir hatten in einem Blog-Artikel von rollingeast gelesen, dass sie bereits zwei mal Hund auf dem Teller hatten ohne es vorher gewusst zu haben. 

Unsere erste, hautnahe Begegnung mit diesem Thema war auf dem Rad, als uns ein Motorroller überholt hat. Dieser hatte grobmaschige, verschließbare Körbe montiert. 

Solche Körbe sind hier nichts Ungewöhnliches. Wir hatten schon Gänse, Hühner und sogar Schweine darin gesehen. 

Dieses mal sind es aber Hunde. Sie sind zusammengefercht, so dass man sich fragen muss, wie derjenige sie dort überhaupt hinein bekommen hat. Man sieht eine Pfote heraus hängen und hier und da schauen die Schnauzen durch die Öffnungen. Einer der Vierbeiner schafft es das Maul so weit zu öffnen um leise zu bellen. 

 

"Auf den Grills liegen aber keine Steaks... "

 

 Für Hundeliebhaber ein grausamer Anblick. Und es wird noch schlimmer als wir nach Hanoi einradeln. Lena sieht im Vorbeifahren einen der Straßenstände mit Grill. Darauf liegen aber keine Steaks... 

Sie muss nachher kurz anhalten um das Gesehene erstmal zu verkraften. 

 

Auf unserem Weg durch Vietnam sehen wir noch öfter Restaurants mit Schildern davor auf denen Hunde und Katzen abgebildet sind bzw. auf denen "Tith Cho" (Hundefleisch) steht. Den für uns grausamen Höhepunkt bildet ein ganzer Mini-LKW voll mit zusammengeferchten Hunden. 

 

Wir sind beide Fleischesser. Huhn, Rind, Schaf, Fisch - all diese Tiere essen wir. 

Ich bin der Meinung, dass jeder, der Fleisch isst, auch in der Lage sein sollte das Tier zu töten, welches er ist. Und ja, ich würde der Kuh das Bolzenschussgerät an den Kopf halten und abdrücken und wenn ich genau wüsste wie man Hühner, Schweine und Schafe richtig tötet, würde ich auch das tun. Es würde mir keinen Spaß machen und ich bin froh, dass andere diese Arbeit für mich erledigen. 

Ein ausgewachsenes Rind zu töten ist allerdings eine Sache. Wenn ich mir aber vorstellen muss ein kleines, süßes Kalb für mein Wiener Schnitzel um die Ecke zu bringen wird's schon schwierig. Und dann gibt's da ja noch den Rehrücken und den Hasenbraten. Bambi und Meister Lampe den Garaus zu machen ist keine tolle Vorstellung.  Ich hätte auch Skrupel ein kleines, drolliges Ferkellein von seinen Spielkameraden zu trennen und es anschließend auf den Spieß zu stecken. 

 

Doch all das würde ich vermutlich machen. Einen Hund zu schlachten würde ich aber niemals übers Herz bringen. 

Schon irgendwie seltsam... Nicht nur, dass ich das Leben von Tierkindern offensichtlich über das der ausgewachsenen Exemplare stelle, ich stelle auch das Hundeleben deutlich über die Leben anderer Tiere. 

 

 

 

Für die meisten Vietnamesen hat der Hund vermutlich nicht so eine Stellung wie er sie bei uns Westlern hat und ist somit wohl eher auf einer Ebene mit Huhn und Schwein. 

Tja... Ich kann mich mit dem Essen von Hunden nicht anfreunden, aber muss es wohl akzeptieren. Andere Länder, andere Sitten. 

Das Leben von Hunden höher zu bewerten als das anderer Tiere ist auch gar nicht so schlimm finde ich.

In Indien genießt die Kuh ja beispielsweise auch diverse Privilegien, die nicht jedem Vierbeiner dort zuteil werden. Nicht gegessen zu werden gehört dazu. 

 

"Jeder hat sein heiliges Tier "

 

Im alten Ägypten hatten angeblich Katzen, Krokodile und sogar einige Käfer den VIP-Status. 

In vielen Kulturen werden also bestimmte Tiere verehrt und deren Tötung wäre dort alles andere als gesellschaftlich akzeptiert. 

Wenn ich also den Verzehr von Hundefleisch kritisieren möchte, dann muss ich auch den Zorn und das Unverständnis des Inders ertragen, wenn dieser mein Hüftsteak auf dem Grill sieht. 

Jeder hat seine heiligen Tiere, die er niemals töten und essen würde, ganz einfach. 

 

Also alles geklärt? 

 

Fast. Ich akzeptiere, dass hier in Vietnam Hund gegessen wird. Wenn aber schon essen, dann doch aber bitte richtig halten und nicht quälen. Die Art des Transports, die wir beobachtet hatten, war alles andere als tierfreundlich. Hinzu kommt, dass die Hunde oft vor dem Schlachten noch geprügelt werden. Das soll das Fleisch zarter machen. Die einen sagen das hätte was mit dem Adrenalin zu tun, welches dabei freigesetzt wird, die anderen sagen, dass dabei das Blut ins Fleisch gelange und es so schön saftig wird. Der Hund ist dabei nicht das einzige Tier, was durch diesen Aberglauben leiden muss. 

 

 

Wir sehen hier diverse Dinge, die nicht schön anzusehen sind. Schweine werden festgezurrt auf dem Pickup durch sengemde Hitze gefahren, Hühner werden zusammengeschnürt und zu dutzenden kopfüber an den Roller gebaumelt oder Gänse in besagte Körbe gesteckt bis diese kaum noch atmen können.  

 

 

Auch hier ist es wieder leicht mit Vorwürfen herum zu werfen.  Kennt ihr den Dokumentationsfilm "Unser täglich Brot" ? Wenn nicht, dann unbedingt mal schauen (am Ende des Artikels eingebunden). Der Film hat seine Längen und könnte um die Hälfte gekürzt werden. Trotzdem mal die Zeit nehmen und schauen. 

Bei uns werden den Hühnern die Schnäbel abgeknippst, die meisten verbringen ihr Leben ohne Tageslicht und kurz vor ihrem Ableben werden sie mit einem Staubsauger in Kisten gepresst. Ähnlich miese Dinge finden in allen Bereichen der westlichen Massentierhaltung statt.  Die Hühner, die wir hier - also in Vietnam und Co. sehen laufen alle frei herum. Überall picken und scharren sie fröhlich und die Küken watscheln Mama hinterher. Selbst Schweine sind in Laos überall frei herum gelaufen. Für Kühe gilt das ebenso. Auch hier haben wir Ausnahmen gesehen, aber in der Regel sah das schon deutlich artgerechter aus, als das, was in der Fleischindustrie unserer achso zivilisierten Welt zu finden ist.  

 

 

Und da sind wir auch schon bei den Elefanten. Was heißt eigentlich artgerecht? 

Wir haben anlässlich unseres "1 Jahr unterwegs" einen 3 tägigen Ausflug zum "Elephant Valley Project" im Osten von Kambodscha gemacht. Das Projekt kauft oder pachtet Elefanten (ja - Elefanten-Pachtverträge gibt es hier), die sonst Touristen durch die Gegend schaukeln oder Baumstämme aus dem Dschungel ziehen müssen. Es wird aber vor allem auch viel für die einheimische Bevölkerung (bspw. medizinische Absicherung) und für das gesamte Ökosystem und Umweltbewusstsein der Bewohner getan. Den Elefanten wird hier die Möglichkeit gegeben endlich wieder Elefant zu sein. Also einfach durch den Dschungel laufen, fressen wann und was sie möchten statt mit bunter Dekoration und Körben auf dem Rücken die dicken Europäer auf Asphaltstraßen durch die laute Stadt zu chauffieren. Das finden wir gut und man meint zu erkennen, dass sich auch die Elefanten darüber freuen.  

Irgendwann fiel während eines Gespräches auch etwas wie  "... dieser Elefant hier wurde sogar vom WWF als Arbeitstier benutzt... " . An der Stelle hab ich mich dann gefragt, ob es wohl Wege gibt einen Elefanten "richtig" zu "nutzen". So lange er sonst gut behandelt wird kann er doch Baumstämme ziehen oder als Attraktion benutzt werden, oder? 

Wird hier nicht auch der Elefant über andere Tierarten gehoben und als schützenswerter eingestuft, nur weil es eben ein Sympathie-Tier ist? 

 

Der Elefant darf hier wieder einfach nur Elefant sein. Was ist mit den Wasserbüffeln, die hier als Arbeitstiere benutzt werden? Sollten die nicht genauso viel Aufmerksamkeit bekommen? Die würden doch sicher auch lieber andere Sachen tun als Pflüge durchs Reisfeld zu ziehen.  Und wie sieht's bei "uns" aus? Will das Pferd im Reitstall nicht auch viel lieber in einer großen Herde über weite Wiesen wackeln als fragwürdige Gangarten zu lernen?  Schlittenhunde wirken total glücklich wenn sie als Zugmaschine arbeiten, aber interpretieren wir das richtig? Wenn der Huskey ein Huskey sein dürfte, würde er doch wohl auch lieber ohne Geschirr im Rudel durch den Wald rennen, oder?

Jetzt könnte man anführen, dass Schlittenhund und Reitpferd Züchtungen sind und für sie nunmal das Zusammenleben mit Menschen gut und richtig ist. Gezüchtete Reit-Elefanten gibt es nunmal nicht. Warum eigentlich nicht? Vermutlich weil der Markt zu klein ist - da ist er wieder, der Kapitalismus! 

 

"Gezüchtete Reit-Elefanten gibt es nunmal nicht"

 

Was bedeutet das alles für uns? 

Wir hatten schon in Hamburg einigermaßen darauf acht gegeben nicht viel Fleisch zu essen bzw. nichts aus Massentierhaltung zu kaufen. Relativ inkonsequent muss man allerdings sagen. Beim Döner oder bei der Pizza beispielsweise ist die Fleischherkunft nämlich ziemlich unklar.  Auf Reise haben wir noch viel weniger Möglichkeiten zu kontrollieren welches Schicksal unser Essen hatte. Wenn wir (Lena) selber kochen, dann gibt's ohnehin fast immer vegetarische Gerichte. Das ist aber auch einfach der Tatsache geschuldet, dass sich Fleisch recht schlecht transportieren lässt. Schon garnicht bei 35° im Schatten. Außerdem ist es günstiger und "fleischlos" ist einfacher zu finden. 

 

 

Als wir aus Vietnam heraus fahren sehen wir kurz vor der laotischen Grenze noch zwei riesige Schilder. Darauf sind neben einiger Zeilen auf vietnamesischen auch Hunde im Zwinger, Fleisch und eine ans Bett gefesselte Frau zu sehen.  Die Übersetzung macht aus den Zeilen folgendes

"Tollwut der Toten"

"Noch illegal übertragene Importe das lebende oder Hundefleisch an den Hund werden beschlagnahmt und werden vor dem Gesetz bestraft" 

 

Also irgendwie ist es verboten Hundefleisch einzuführen und offenbar hat es ja vor allem gesundheitliche Gründe. Tollwut ist unter Hunden ja nicht ganz unüblich.  

 

Man kann das ganze Thema nicht abschließend behandeln - schon gar nicht für alle Menschen gleichermaßen. Für uns ist das ganze ein weiterer, großer Aspekt auf unserer Reise und wir werden auch in Europa wieder viele verschiedene Arten des Umgangs mit Tieren sehen. Wir haben aber vor allem gelernt, dass man nicht einfach auf andere Kulturen und Gewohnheiten zeigen kann ohne die eigene Lebensweise zu hinterfragen und genau darüber nachzudenken, ob man denn selbst so sehr viel besser ist.

 

 Lena und Stefan

 


Unser täglich Brot - Dokumentarfilm von 2005

 

Wer etwas Zeit hat und starke Bilder verkraftet, der sollte sich unbedingt mal diesen Film anschauen. Er hat diverse Szenen, die viel zu lange dauern und den Film unnötig in die Länge ziehen, aber durchhalten lohnt sich um mal zu verstehen, was Massen-Lebensmittelproduktion bedeutet.



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Kommentare: 4
  • #1

    Rüdiger Miertschink (Freitag, 11 Mai 2018 11:37)

    Stefan, der Philosoph.
    Wie immer großartige dialektische Herangehensweise an die Dinge, die die Welt bewegen.
    Dass es keine abschließenden, für alle zufriedenstellenden Antworten auf die Fragen zu den Themen Tierwohl, welches Tier ist mehr oder weniger wert, wann sind Tiere glücklich, ist es richtig dieses oder jenes Tier zu essen, iss nur das, was du auch selbst töten würdest, ältere Tiere sind leichter zu töten als Jungtiere usw. gibt, liegt nach meiner Ansicht an der unendlichen Vielschichtigkeit des menschlichen Geistes und aller sich daraus ableitenden Handlungsweisen des Menschen. Verallgemeinert man das Thema und bezieht alle Lebewesen in die Betrachtung ein, also auch Pflanzen, stellt sich die Frage, was soll der Mensch essen, um nicht zu verhungern?
    Zum Schluss bleibt übrig, dass der Selbsterhaltungstrieb, der übrigens jedem Lebewesen immanent ist, dies alles hervorbringt und steuert.
    Aber bei Tageslicht betrachtet gibt es dieses brutale Verhalten (der Stärkste setzt sich mit seinen Methoden durch) nicht nur beim Menschen. Auch in der Tier- und Pflanzenwelt gibt es diesen gnadenlosen Kampf. Auf der einen Seite sehen wir da die bekannten großen Top-Jäger, wie Löwen und Haie (und wir bewundern die auch), auf der anderen Seite sehen wir Tiere, die eher im Verborgenen aktiv werden. Zum Beispiel sei hier mal ein kleiner Fisch, die sog. Schwarzmeergrundel, genannt. Die ist derart invasiv und aggressiv, dass sie für die einheimischen Fischarten eine echte Bedrohung darstellt, weil sie deren Laich frisst und auch sonst jegliche Nahrung aus den Gewässern gierig aufnimmt. Oder nehmen wir ein Beispiel aus der Pflanzenwelt: Der japanische Knöterich. Der überwuchert gnadenlos jegliche benachbarte Vegetation und vernichtet sie.
    Wie auch immer: Wir, also du und ich, werden das Problem / die Probleme nicht lösen. Jeder kann nur für sich entscheiden, welchen sinnvollen Beitrag er leisten kann. Und wie ihr schreibt, ist auch das schon nicht einfach. Denn der kleine Endverbraucher kann nicht wirklich alles überprüfen.
    Ist auch Bio drin, wenn Bio draufsteht? Was ist überhaupt unter Bio zu verstehen. Ist Öko wirklich Öko? Oder was ist da vorher alles passiert? Ist FAIR TRADE wirklich fair gehandelt? Und und und…
    Aber: Große Gedanken auf einer großen Reise. Und wenn es nur diese großen Gedanken sein würden, die zum Schluss übrigbleiben, hätte sich die Reise schon gelohnt.
    Viel Glück weiterhin.
    Rüdiger

  • #2

    Stepo (Freitag, 18 Mai 2018 11:50)

    Ich will einfach nur meinen Respekt für die differenzierte Denkweise ausdrücken. Ich mach es mir als Veganer einfach. Es ist der bequemste Weg sich damit nicht beschäftigen zu müssen. Ich freue mich immer wieder, wenn ich sehe, dass ich nicht alleine bin. Zwar sind die Schlüsse, die wir am Ende gezogen haben noch anders, aber von den Gedankengängen sind wir da schon länger auf einer Wellenlänge. Knuddel Lena noch mal ganz doll.

  • #3

    Stefan (Samstag, 19 Mai 2018 08:17)

    Danke euch beiden für das Lob! Lena ist geknuddelt, auch wenn uns Bettwanzen-Bisse das Berühren gerade etwas schwer machen :)

  • #4

    Viola (Samstag, 02 Juni 2018 13:07)

    Ja, große Gedanken, großes Thema und ihr habt es schon ziemlich weitreichend und gründlich in der Kürze beleuchtet.
    Am Ende bleibt für mich wie so oft, eigentlich nur ein Fazit: sich im Rahmen der Möglichkeiten so umsichtig und respektvoll wie irgend möglich zu benehmen.
    Habt weiter eine wundervolle Reise!