Containerschiffreise - Alltag auf dem Schiff

Nach dem ersten Frühstück bekommen wir vom 3. Offizer = Bärchie eine Sicherheitseinweisung, schließlich befinden uns ja nur schon seit über 24 Stunden auf dem Schiff. Eines der Rettungsboote dürfen wir sogar von innen anschauen. Am Ende müssen wir noch einen Prüfungsbogen ausfüllen, um zu zeigen, dass wir uns auch alles gemerkt haben. Zum Glück bekommen wir eine Spickhilfe ;) Später an diesem Tag erproben wir die Qualität des Tischtennisequipment. Nicht ganz auf dem neusten Stand aber zum Spielen und Stefan besiegen genügt es allemal. Der Chefkoch nimmt uns noch mit in die riesigen Kühlräume mit Unmengen an Vorräten. Fisch, Fleisch, Gemüse und andere, zu verzehrenden Dinge lagern hier. Wir können nur staunen über diese Mengen für 27 Personen und freuen uns als wir einige Leckereien entdecken ;)

 

Hochsee-Sport

Hoch motiviert steuern wir Nachmittags in behelfsmäßiger Kleidung den Sportraum an. Der Raum geht über zwei Decks. Ohne eine Verkleidung der Wände ist die komplette, skelettartige Tragkonstuktion des Schiffes sichtbar. Das lässt mein Architektenherz höher schlagen. Stefan kann diese Euphorie nicht so ganz teilen. Aber das ist ok. Ansonsten ist die Ausstattung eher rudimentär. Ein paar Geräte und Gewichte zum Trainieren, ein Boxsack hängt neben einem etwas klapprigen Trainingsfahrrad und einem Laufband. Laute Musik scheppert aus einer Blutoothbox. Wir begnügen uns vorerst mit einigen Bodenübungen sowie dem Rad, während sich Kapitän und Offiziere die Hanteln reichen. 

Am nächsten Morgen, wie öfters in den folgenden Tagen, schlafe ich noch 1 Stunde länger als Stefan. Ahnlich wie zu Hause ;) Er nutzt die frühe Stunde um an den Geräten zu trainieren. Diesen Vormittag füllen wir mit Fotos aussortieren und Tischtennis. 

 

Auf der Brücke

In den folgenden Tagen sind wir nach dem Mittagsschlaf am liebsten auf der Brücke. Um diese Uhrzeit hat Yang Schicht. Er traut sich einfach Fragen zu stellen, möchte vieles wissen und verstehen. Wir können ebenso unbeschwert Fragen zu China stellen und einiges erfragen was uns während unserer Reise durch dieses absolut andere Land verwundert hat oder einfach nur aufgefallen ist. Leider fallen uns natürlich erst nach der Schiffsreise die wirklich wichtigen Fragen ein. 

Rundgang

 

Am Mittwoch nimmt uns dann wieder Bärchi mit auf einen Rundgang. Wir werden mit Warnweste und Helmen ausgestattet. Dann geht es auf das Außeneck. Vom Tower laufen wir bis nach Vorne zu den überdimensionalen Tauen und Ankerketten. Die Kettenglieder sind gigantisch - definitiv nicht als Fahrradschloss geeignet. Dann geht's wieder unter den Containern durch bis ganz nach Hinten. Hinten heißt hier Achtern. Ein bisschen mulmig wird einem dabei schon, wenn man bedenkt, dass über dem eigenen Kopf nocheinmal weitere 10 Container stehen. Wir schauen kurz  über die Kante auf die tosenden Wassermassen hinunter und können die Größe und Power der Schiffsschraube nur erahnen. "Bärchie" sagt, dass er hier manchmal einfach nur steht und auf das Wasser guckt. Wir versthen wieso. Vorbei an einigen Lagern für Farben und Erstazteile geht es wieder zurück. Jetzt wird einem erst bewusst, wie lang 300 Meter eigentlich sind. Das sind ganz schöne Strecken, die ein Teil Mannschaft hier tagtäglich zurück legen muss.

Maschinenraum

Neuer Tag, neue Führung. Wir bekommen vom 2ten Ingenieur den Maschinenraum gezeigt. Dafür mussten wir gestern ins Schiffs-Office zur Anprobe der Blaumänner. Glücklicherweise ist der Vorrat nicht nur für kleine Phillipinos und Chinesen ausgelegt und somit findet sich auch für den langen Stefan eine Ausführung in XXXL. Der Maschinenraum ist ein riesiger Komplex aus Mechanik, Rohren, riesigen Tanks, einer Zentrale mit vielen Knöpfen und undurchschaubaren Kreisläufen. Aufgrund der Lautstärke kommen wir um die Nutzung von Ohrstöpsel nicht umhin, was leider die Kommunikation nicht sonderlich erleichtert. Wir werden einmal komplett herum geführt und bekommen eine grobe Idee. Vorbei an riesigen Zylindern und den Antrieben für die Schiffsschraube. Leider konnte ich mir natürlich nicht alles merken, aber es war schwer beeindruckend und vor Allem unmenschlich heiß dort unten! 

 

Tags darauf ist es sehr verregnet und es fühlt sich fast an wie ein Sonntag daheim, nur dass wir uns nicht um Essen kümmern müssen. Während ich mal am Computer arbeiten "darf" flickt Stefan einige Löcher in unseren Radtaschen. Die Regengüsse von der Brücke aus gefilmt ergeben tolle Zeitraffer-Aufnahmen. Die Trägheit macht sich langsam etwas breit, weniger Sport als anfänglich und auch der Fahrstuhl kommt immer öfter zum Einsatz. 

Für morgen Abend steht Bingo auf dem Programm, leider können wir nicht mitspielen, da "es eine Gemeinschaftskasse ist und es unfair wäre wenn wir nun gewinnen würden". Naja, hätte man uns mitspielen lassen wollen, hätte es Möglichkeiten gegeben... (übrigens eine Entscheidung des Captains) 

Drill - BBQ & Bingo

 

Der 7. Tag an Bord und es schwankt das erste mal recht kräftig. Bei unserem morgendlichen Brückenbesuch wird uns gleich berichtet, dass dies erst der Anfang sei, morgen soll es noch schlimmer werden. Aber immerhin hat es aufgehört zu regnen. Nach dem Mittag werden Feuer- und Piratenalarm mit geübt. Aufgrund eines Missverständnisses sind wir schon vor dem Alarm auf der Brücke, dann schrillt die Sirene laut durch das gesamte Schiff. Wir bleiben artig sitzen, beobachten und warten. Die Funkgeräte laufen heiß aber ansonsten passiert hier oben nichts weiter. Wir sind gerade dabei auf der Couch einzunicken (vorbildliche Passagiere) als wir ins Schiffs-Office gerufen werden. Mit allen versammelt, wird die Übung noch einmal besprochen und ein Crashkurs in erste Hilfe gegeben. Wir sind angesichts der Fragen der Crew etwas erschrocken. Das "nicht wissen" bezüglich erster Hilfe erscheint uns etwas unangemessen. Immerhin fahren wir ohne einen Arzt an Bord und die sind alle nicht das erste Mal auf einem Schiff unterwegs... Danach geht's direkt weiter mit Piratenalarm. Die versammelte Mannschaft macht sich auf in die Citadelle. Dies ist der Sicherheitsraum für den Fall der Fälle. Wo dieser Raum ist verraten wir aus verständlichen Gründen lieber nicht. Von innen verriegelbar und mit diversen Funkgeräten mit der hoffentlich helfenden Zentrale verbunden.

 

Vor dem Bingo wird noch gegrillt. Normalerweise sitzen alle zusammen draußen auf dem A-Deck, doch heute ist es zu stürmisch, daher wird alles gegrillt und dann gemeinsam in der Offiziersmesse gegessen. Es ist eine aufgelockerte Stimmung wie wir sie noch nie an diesem Tisch erlebt haben. Später wird umgeräumt und die Spiele können beginnen. Anstatt einfach nur doof zuzuschauen, filmt Stefan das Spektakel während ich gemeinsam mit dem 2ten Offizier seine und Bärchis Zettel (Bärchi hat Schicht auf der Brücke) nach den richtigen Zahlen durchsuche. Ich glaube so ganz durchblickt haben wir diese chinesische Variante des Bingos tatsächlich erst als es vorbei war! Aber das werden wir wohl mal zu Hause spielen, sofern wir uns noch an all die Spezialregeln erinnern können.

 

Rauhe See

Die kommenden zwei Tage dürfen wir nicht aus dem Tower raus, da wir uns in der gefährdeten Zone befinden und alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Nachts müssen alle Rollos runter, die Bullaugen der Türen werden zugeklebt und alle ungenutzten Räume verschlossen. Aber uns wird immer wieder verrichert, dass wir auf diesem Schiff sicher seien. Viel zu groß und schnell seien wir für die Piraten. Zudem ist die See mächtig unruhig. Unser Koloss liegt alles andere als still auf dem Wasser. Tische und Stühle werden festgebunden und wir schieben uns durch 4 Meter hohe Wellen bei Windstärke 10. Stefan verträgt das alles nicht ganz so gut. Vor allem nicht wenn er versucht was am PC zu machen. Daher machen wir es uns die meiste Zeit in unserem kleinen Wohnzimmer gemütlich und versüßen uns die Zeit mit Filmen oder Hörbüchern.

 

Rotes Meer

Heute dürfen wir endlich wieder raus, denn wir haben die gefährdete Zone unbeschadet überstanden. Ich schaue morgens aus unserem kleinem Fenster, auch wenn ich weiß dass mir die Container die Sicht aufs Meer verwehren. Doch immerhin ist genug Abstand, dass wir in den Himmel sehen können. Die Sicht ist total getrübt. Nicht nur auf unserem Fenster hat sich eine Schicht aus feinem rot-braunen Sand gelegt. Als wir auf die Brücke kommen und auf die Container schauen, glänzen sie nicht mehr. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Sandstaub sich tatsächlich über sooo viele Kilometer durch die Luft trägt. Willkommen im Roten Meer.

Wir treten hinaus. Der Wind peitscht uns aus mehreren Richtungen gleichzeitig ins Gesicht und um die Körper. Am Horizont sind tatsächlich Berge auszumachen. Die Sonne kämpft sich durch die Wolkenschicht und erwärmt unsere Haut. Erst jetzt merke ich, dass die Luft die uns umpeitscht, an unsere Haaren und Kleidern zerrt, zwar warm aber lange nicht mehr so unendlich schwül wie noch in Südostasien ist. Freu. 

 

Schiffsalltag

Was eine Schifffahrt so alles mit sich bringt... Hatten wir wirklich Sorge vor Langeweile? Klingt irgendwie merkwürdig, jetzt wo wir auf dem Schiff sind. 12 Tage inzwischen und bisher noch nichts in diese Richtung. Wir haben uns im Vorwege gut ausgerüstet und überlegt, was wir alles auf dem Schiff machen bzw. "erledigen" könnten. Haben wir uns zu viel vorgenommen? Nein! Bzw. wenn, dann setzten wir uns nicht unter Druck das alles fertig zu machen. 

Wir genießen unseren Mittagsschlaf, die Hörbücher, Tischtennis zu zweit oder mit Crew-Mitgliedern, Filme gucken und schneiden, Tagebuch schreiben, auf der Brücke sein und den Austausch mit der Crew. Wir müssen uns nicht um Essen kümmern und die Waschmaschine erledigt die Arbeit während wir unsere Ausrüstung reparieren und flicken können. Über die Hälfte unserer Zeit ist nun schon um und wie in jedem Urlaub sind die Tage von jetzt an schneller vorbei als einem lieb ist.

 

Lena

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Kommentare: 2
  • #1

    Svenja (Mittwoch, 26 September 2018 20:08)

    Wow. Diese Hauptmotordingda.... Sieht ja aus wie eine Kathedrale. Bin beeindruckt - von allem natürlich.

  • #2

    Rüdiger Miertschink (Freitag, 28 September 2018 21:26)

    Hey, wenn ich das so lese, habe ich den Eindruck, dass ihr wie richtige Touristen behandelt werdet. Mit Führungen hier und da, Essen mit "Einheimischen" (das Essen sieht übrigens sehr lecker aus!), Sportmöglichkeiten, Spiel, Spaß, Spannung...
    Lange Weile - Fehlanzeige. Welch großartige Entscheidung, mit dem Schiff nach Europa zu fahren.