Containerschiff Reise Suez Kanal

Will man vom Mittelmeer zum Indischen Ozean mit einem Schiff, so gab es vor dem Bau des Suez-Kanals nur einen Weg. Einmal um Afrika herum! Durch den Kanal geht das heute deutlich schneller. Er wurde 1869 eröffnet, ist etwa 200km lang und jedes Jahr fahren über 17 000 Schiffe hindurch. Der Bau des Kanals hat etwa 10 Jahre gedauert und war damals eines der größten und schwierigsten Bauprojekte die es gab. Wer den Kanal kontrolliert hat nicht nur sehr viel Macht sondern vor Allem eine sehr gute Geldquelle. Der Kanal "gehört" der Suez Canal Authority (SCA). https://www.suezcanal.gov.eg/ Sie ist verantwortlich für alles rund um den Kanal. Wartung, Gebührenerhebung, Ausbildung und Beschäftigung der Lotsen, eben alles, was man so für den Betrieb eines Kanals braucht. Die SCA selbst ist eine ägyptische Instanz und folglich kann man sagen, dass der Kanal Ägypten gehört. Es gibt viele interessante Dinge über diesen Kanal und seine wechselvolle Geschichte. Beispielsweise gibt es schon seit 1888 eine Konvention, die besagt, dass der Kanal für alle Schiffe aller Nationen zu gleichen Bedingungen zur Verfügung stehen muss. Das gilt auch für Kriegsschiffe. "Die Konvention hatte ihre erste Bewährungsprobe 1904. Zu dieser Zeit war der Kanal noch in britischer Hand. Russische Kriegsschiffe im Krieg gegen Japan konnten ungehindert durch den Kanal fahren, obwohl Japan mit Großbritannien verbündet war." 

 

Die Reederei unseres Schiffes zahlt angeblich 300 000 US-Dollar für eine Durchfahrt bei einem Schiff unserer Größe. Jede Menge Geld also. Unser Schiff wird nach Durchquerung im Hafen von Said anlegen. Danach wird es noch in Beirut und schließlich in Athen stoppen. Und schließlich wird es durch den Bosporus in das schwarze Meer fahren um in der Ukraine anzulegen. Offenbar haben wir für viele Teile der Welt diverse Waren an Board. Wir haben auch mal gefragt ob die Crew überhaupt weiß, was sie so über die Meere schippern. Sie wissen es nicht. Bis auf ein paar Ausnahmen mit mehr oder weniger gefährlicher Ladung über die natürlich etwas Kenntnis bestehen sollte und vielleicht noch ein paar Kühlcontainer sind alle bunten Kisten auf diesem Schiff für uns alle Blackboxen.

 


Am Vorabend der Durchfahrt wird es bereits dunkel als wir ankern. Wir sind erst morgen dran und machen vor dem Eingang des Kanals fest. Es gibt einen Zeitplan, da der Kanal an einigen Stellen nur eine Einbahnstraße ist. Wir gehen auf die Brücke und blicken in die Nacht. Es sind diverse andere Schiffe zu sehen, die mit uns auf der schwarzen See warten und wir versuchen deren Größe anhand der Anzahl ihrer Lichter auszumachen. 
Am nächsten Morgen geht es früh los. Wir verpassen die Einfahrt tatsächlich, weil wir zu lange beim Frühstück gesessen haben. Doch wir sind gerade noch rechtzeitig auf der Brücke um das Minarett einer Moschee und damit das erste Stück Ägypten zu sehen. Wir schieben uns durch den Kanal. Links bewohntes, beinahe grünes Land und rechts nichts als Wüste. Es ist unfassbar beeindruckend. Tagelang nichts außer hohe See und dann dieser schmale Streifen Wasser auf dem unser Frachter zwischen diesen unterschiedlichen Landschaften dahingleitet. Die linke Seite sieht stark gesichert aus. Diverse Wachtürme säumen eine lange Mauer. In den Türmen sehen wir Maschinengewehre mit und ohne Soldaten. Diverse kleine Boote flitzen neben uns durch das blaue Wasser. Vermutlich Fischer. Es liegen Schiffswracks herum und hier und da gibt es Fähren von einem Ufer zu anderen.

Seit einiger Zeit ist auch ein Lotse inklusive Kollege auf der Brücke. Jedes mal wenn das Schiff einen Hafen anläuft oder Kanäle passiert kommt ein Pilot (eng.) bzw. Lotse auf das Schiff. In diesen Momenten hat er und nicht der Captain das Sagen. Er gibt dem Mann am Ruder die Befehle. Er hat die Kontrolle über das Schiff. Er hat die Macht. Dieser Lotse hier ist ein sehr großer, älterer Mann mit grauem Haar. Ich schätze ihn auf Mitte fünfzig. Sein Kreuz formt einen leichten Buckel, was bei dieser Größe sehr seltsam wirkt und diesem Mann eine Art monsterhaftige Erscheinung beschert. Er raucht mehr oder weniger Kette. Rückblickend betrachtet raucht er sicher Marlboro. Der Captain wirkt ihm gegenüber klein - nicht nur physisch. Man spürt, dass der Ägypter hier die Kommandos gibt und der Rest des Schiffes gehorchen muss. Keine Macht ist so klein, dass sie nicht missbraucht werden kann sagt man und so lässt sich der Lotse bestechen. Mit Marlboro. Dafür führt er extra ein kleines Köfferchen und der Captain eine Vielzahl Marlboro-Stangen mit sich. Lena beobachtet sogar, wie der buckelige Herr später noch über die Brücke streift, diverse Dinge inspiziert und darauf deutet. Neben einer Menge Rauchwerk landen dann auch noch eine Packung malaysischer Tee und eine Schutz-Sonnenbrille für Arbeiten auf dem Deck in seinem Korruptionsköfferchen. Interessant!

Später fragen wir nach warum das gemacht werden kann. Was kann der Lotse denn tun wenn ihr keine Zigaretten rüber wachsen lasst? Die Antwort lässt verstehen warum es besser ist das Krebsrisiko des Ägypters zu erhöhen als ihm die Glimmstengel zu verwehren. Er kann durchaus dafür sorgen, dass man eine Weile still steht. Wenn er meint, dass etwas nicht ordnungsgemäß läuft, kann er anordnen, dass das Schiff halten muss. Wir verstehen nicht jede Option, die er hätte, aber es reicht um es zu begreifen. Es sei auch nur hier in Ägypten so. Die Offiziere rollen die Augen über das ägyptische Lotsen- und Hafenpersonal. Die Reederei kennt das Problem und die Kippen sind natürlich nicht aus der Tasche des Captains bezahlt. So entsteht Korruption. Einer fragt mal nach und der Schwächere spielt mit. 

Wir treffen den Captain wenig später im Fahrstuhl und drücken unser Entsetzen darüber aus. Ihn selbst regt die Sache auch unheimlich auf. "Die denken sich da steht ein Asiate, der ist ein schwacher Mensch. Mit dem können wir es machen. Aber ich möchte da nicht mitmachen. Ich habe ihm gesagt, wir hätten keine weiteren Zigaretten mehr, obwohl wir natürlich noch welche haben. Die denken ich sei schwach..." 
Es stört ihn sichtlich und tatsächlich kann ich mich noch erinnern, wie der erste Offizier alle Schränke auf der Brücke durchsucht hat - vermutlich nur zur Show - um zu zeigen, dass nun wirklich keine Marlboro mehr da sind. Da wird mir der Captain kurz sympathisch. Ich hätte davon auch die Schnauze voll. Aber er muss das Spiel zum Teil mitspielen. Letztendlich geht es auf seine Kappe, wenn durch schlecht gelaunte Lotsen teure Verspätungen entstehen, nur weil er zu stolz ist sie zu bestechen.

 

Das Wetter bleibt gut und so schippern wir langsam durch den Kanal. Wir sehen andere große Schiffe mit und ohne Container, die uns an den zweispurigen Abschnitten entgegenkommen. Lena genießt die Sonne und die Briese um sich rauszusetzen und Postkarten zu schreiben. Ich filme, fotografiere und gucke. Am Ende des Kanals liegt der Hafen von Said in Ägypten. Dieser steht auf unserer Liste und wir legen an. Das hier wäre die Stelle an der wir hätten an Land gehen können. Zum Glück hatten wir uns dagegen entschieden. Hier wären wir nicht froh geworden. Vermutlich hätten wir schon die Hälfte der Zeit damit zugebracht aus dem Hafen herauszufinden. Außerdem sieht das, was vor uns liegt wenig attraktiv aus. Ein Eselkarren, der über das Hafengelände huscht ist noch das Witzigste. 
Die Abfahrt von Said ist wieder interessant. Wir können noch mal ein bisschen ägyptische Luft schnuppern und einen kurzen Blick auf Architektur und Gewusel der Stadt werfen bevor wir dann endgültig in das Mittelmeer einfahren. Was für ein Gefühl. Wir sind im Mittelmeer - einfach so. Indischer Ozean - Mittelmeer, ganz einfach. Das heißt, dass wir bald in Griechenland sein werden und Abschied von unserem Frachter nehmen müssen. Ein Mix aus Vorfreude auf Europa und vorzeitlicher Trauer über das Ende dieses Reiseabschnittes schwingt in uns mit. 
Es geht am folgenden Tag noch zum Hafen von Beirut in Libanon. Hier veranstalten die Schlepper ein lustiges Ballet um uns an das Pier zu drücken. Mittlerweile sind wir ja alte Hasen, was das Containern angeht und so schauen wir nicht mehr sehr lange dabei zu wie die Kräne eine große Kiste nach der anderen aus unserem Bug holen um dafür wieder andere hineinzustellen. 
Von jetzt an liegen nur noch vergleichsweise wenige Seemeilen zwischen uns und Athen. 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Gaby (Dienstag, 02 Oktober 2018 19:56)

    Eure Blogeinträge erfreuen mich nun schon fast 18 Monate. Sie sind immer sehr interessant, tiefsinnig, lustig, informativ. Von jedem etwas. Mir wird etwas fehlen, wenn ihr zurück seid.
    Die "Geschichte"über die Erlebnisse auf dem Frachtschiff liest sich wie ein guter Roman.
    Man ist gespannt auf das nächste Kapitel.
    Viel Spaß noch und Durchhaltevermögen für dieletzte Etappe.
    Liebe Grüße
    Mutti

  • #2

    Rüdiger Miertschink (Mittwoch, 03 Oktober 2018 21:27)

    Ja, der Suez-Kanal. Wirklich ein Bauwerk, welches die Welt braucht. Die Leistung, die dahinter steckt ist für mich absolut vergleichbar mit dem Panama-Kanal, dem Eiffel-Turm, der Golden-Gate-Bridge und dem Fernsehturm Ostankino in Moskau. Letzterer war ja lange Zeit das höchste Bauwerk der Welt. Was ist allen Bauwerken gemeinsam? Mir fallen da ein:
    1. Die genialen Ideen der Ingenieure früherer Zeiten.
    2. Die vergleichsweise kurze Bauzeit.
    3. Die Sinnhaftigkeit dieser Bauwerke.
    4. Die fast bis heute dauernde uneingeschränkte volle Nutzungsfähigkeit.
    Schauen wir in die heutige Zeit, dann sehen wir diesbezüglich fast nur noch Schrott.
    1. Ideen müssen politischen Entscheidungen und Befindlichkeiten weichen.
    2. Die Bauzeiten und vor allem die Planungszeiten sind wegen politischer Zwänge und Befindlichkeiten sowie wegen Inkompetenz und Feigheit der Entscheider unerträglich lang, siehe BER.
    3. Heute wird ja Zeug gebaut, was kein Mensch braucht, z. B. Güterbahnhöfe, die keiner nutzt, Fledermausschutzeinrichtungen, wo gar keine Fledermäuse sind, Ortsumgehungsstraßen, die nie befahren werden dürfen usw. usf.
    4. Die meisten neuen Bauten, insbesondere Straßen und Brücken, geben nach kürzester Zeit den Geist auf und müssen saniert werden; andere Bauwerke, z. B. Schulen und Kitas und auch der BER werden viel zu klein geplant und müssen mit riesigem Aufwand erweitert werden usw. usf.
    Da gibt es hunderte Ergänzungen und jeder, der meinen Eintrag liest, kennt mindestens fünf solcher Fälle. Da hilft auch BIM nichts. Interessierte können dazu im Internet nachlesen.
    Die Kosten für eine Passage eines Frachtschiffes erscheinen auf den ersten Blick recht hoch. Aber in den Containern sind unzählige Einzelstücke verpackt. Z. B. Diktiergeräte aus China. Wie viele davon passen in einen solchen Container? Ein normaler 20-Fuß-Container hat ein Volumen von ca. 33 m³. Das kleine Diktiergerät hat gerade mal 0,00009 m³ Volumen inkl. Verpackung. Damit passen in einen solchen Container ca. 412.000 Geräte rein. Schiffe wie die CMA CGM Ural transportieren so 5 – 7 Tausend Container. Da gibt es also keine Fragen mehr: Der Weg durch den Suez-Kanal ist gnadenlos günstig.
    Das zweite große Thema bei Frachtschiff #4 ist die Korruption. Leider ist das Alltag im Kapitalismus. Wie ist das in Deutschland? Klar, wir sind anständig. Es gibt Anti-Korruptionsgesetze. Aber nicht für Politiker. Deutschland ist eines der wenigen Länder auf der Welt, in denen es solche Gesetze nicht gibt. Aber wir schaffen das.
    Die „Dinger“, wie ihr sie bezeichnet, die am Kanal zu sehen sind, sind nach meiner Einschätzung Pontons. Durch die schräge Anordnung rutschen die von ganz allein ins Wasser und in kürzester Zeit hat man eine Brücke über den Kanal gebaut, die mal auch gut für Panzer befahrbar ist. Schließlich sind ja Israel und Saudi-Arabien Nachbarn von Ägypten…
    Dass ihr mit etwas Wehmut auf das Ende der Schiffsreise schaut, ist normal. So ein großes Erlebnis hat schon was. Auch, wenn man eine solche Reise jederzeit buchen kann. Bei euch ist das ganz besonders, weil es völlig anders war, als das, was bisher auf eurer Reise war.
    Beim Radfahren konntet ihr nach eigenem Ermessen von hier nach da bewegen und weggehen, wenn es nicht gepasst hat. Auf so einem Boot gibt es Regeln und ihr könnt nicht wegfahren. Aber, wie schon mal geschrieben, ihr habt das großartig gemacht. Wie geht das Motto? Alles, was uns nicht umbringt, macht uns hart.
    In diesem Sinne weiterhin viel Glück, nicht nur beim Radfahren.