Metropole

Tatsächlich ist es ziemlich lange her, dass wir in eine Metropole mit den Rädern eingefahren sind. Um genau zu sein war die letzte Stadt einer ähnlichen Größe Hanoi und das war am 12. Januar. Sowohl in Laos als auch in Kambodscha waren die Städte eher klein und Bangkok rein hatten wir letzten Endes eine Mitfahrgelegenheit. 

Einfahrt 

Laut GPS haben wir heute 80km und einen kleinen Pass von 600m Höhe bis zu unserem Warmshowers-Host zu überwinden. Wir sind vielleicht eine Stunde unterwegs als von hinten jemand ruft: "Good morning touring cyclist!" Wir drehen uns um und ein freundlich lächelnder Brite holt uns auf seinem Rennrad ein. Wir machen am Straßenrand Pause, denn auf dem Rad unterhält es sich recht schlecht. Er heißt Simon und wurde uns von Till & Janine empfohlen, die wir bereits in Tadschikistan kennengelernt und vor kurzem in Bangkok noch einmal getroffen haben. Allerdings hatten wir ihn nicht kontaktiert, da er nach deren Aussage im Urlaub sei. Es stellt sich heraus, dass nur seine Frau auf Reisen ist und er zu Hause die Stellung hält. Schade! Wäre sicher nett bei und mit ihm gewesen. Wir bekommen noch ein paar Tipps und sollen uns melden, falls wir Hilfe brauchen oder unser Host "boring" ist.  

Der Verkehr wird immer weniger, was bei der schmalen Straße - gerade mal so breit wie zwei Radwege nebeneinander - ganz angenehm ist. Wir schlängeln uns stetig den Berg hinauf, immer in Sicht- und Hörweite des Highways. Es ist kurz nach Mittag als wir die Anhöhe erreicht haben, also lassen wir uns noch ein paar Kilometer den Berg hinunter rollen um dann im Schatten unsere vorgekochten YumYums zu verschlingen. Unsere Hundeleckerlis, die wir seit Krabi mit uns herumfahren, finden nach anfänglicher Scheu auch den Weg in die Mägen zweier Vierbeiner. Es ist auf 350m über dem Meeresspiegel vergleichsweise kühl. Zumindest für's Radeln ist es perfekt. Zum Pausieren allerdings schon wieder ungeeignet. Also rollen wir weiter und mit der schwindenden Höhe kommt auch die Wärme und die Schwüle zurück. 

MapsMe führt uns über kleine, angenehme Straßen durch die Vororte von Kuala Lumpur. Die Navigations-Software führt uns auf einer Route, die man ohne diese Technik auf gar keinen Fall aussuchen würde. Wir fahren auf winzigen Straßen, links, rechts, rechts, links. Es ist ein Zickzack-Kurs mit grober Süd-Ost-Richtung. 

Unser Tempo wird dabei zusätzlich gedrosselt, da uns alle 10 Meter ein Bremshügelchen in die Quere kommt. Da macht Schwung holen absolut keinen Sinn. Um uns herum sind lauter kleine, eingeschößige Wohnhäuser, alles etwas ärmlich und heruntergekommen. Dahinter erheben sich bereits einige bis in den Himmel ragende und von weitem gut sichtbare Hochhäuser. Zwei Straßen weiter sind wir plötzlich mittendrin. Ich freue mich, dass Stefan die Navigation übernimmt. Das GPS-Gerät hat in Malaysia einfach keine Lust das Kartenmaterial anzuzeigen, also muss sein Handy am Lenker herhalten. So kann ich auch mal einen Blick nach links und rechts werfen. Interessante Kombinationen aus Formen und Material. Einige sehen aus wie aufgereihte elektrische Rasierer, andere wiederum schießen einzeln wie starre Bäume aus dem Boden. Inzwischen fahren wir auf sehr viel größeren, mehrspurigen Straßen und ich muss meine Konzentration auf den Verkehr richten. Wir biegen in ein Wohnviertel ab, was in erster Linie aus riesigen Hochauskomplexen mit Eigentumswohnungen, Tiefgaragen, Schwimmbecken und Pförtnern besteht. Aha - wir scheinen die kommende 3 Nächte in einer Gegend für Besser-Verdiener zu wohnen.

Kuala Lumpur 

Unser Host heißt Satu und kommt aus Japan. Tatsächlich leben hier größtenteils nur Expats. Seine Wohnung ist quasi riesig und wir bekommen unser eigenes Zimmer mit Klimaanlage. Satu selbst sehen wir in den kommenden Tagen eher selten. Er arbeitet sehr lange und so haben wir die Wohnung fast für uns allein. Er war noch nicht auf großer Radreise, träumt aber davon dies irgendwann mal tun zu können. Als wir ihn fragen wann er denkt das tun zu können muss er lachen und sagt "in 50 Jahren vielleicht". Den Job kündigen und auf Radreise gehen kommt in der japanischen Firmenkultur nicht so gut an meint er. In Japan fängt man bei einer Firma an und arbeitet dort bis zur Rente. So ist das eben. Bis dahin "begnügt" er sich mit Rennrad fahren. Als wir ihn treffen kommt er gerade von einer 3 tägigen tour mit über 300km zurück.

Wir haben zwei volle Tage für Kuala Lumpur und müssen vor allem zum Fahrradladen um neues Öl für unsere Getriebe und für Emma noch neue Speichen zu besorgen. Und natürlich wollen wir uns zumindest noch die Twin Towers anschauen, wenn wir schon mal hier sind. Da Satu etwas außerhalb des Zentrums wohnt und Emma, Emil und unsere Hintern eine Pause verdient haben, brauchen wir etwas länger bis wir bei den berühmten Türmen ankommen. Die obligatorischen Fotos geschossen, im angrenzenden Park noch ein wenig das bunte und laute Treiben beobachtet und dann ist es auch schon wieder Zeit für uns zu gehen. Ein unerwarteter Geldsegen, gekoppelt an ein Dinner im 360 Grad Panorama Restaurant des Kuala Lumpur Towers, dem dritthöchsten Fernsehturm der Welt, veranlasste uns die langen Hosen, geschlossene Schuhe und unsere vorzeigbarsten Oberteile an zu ziehen. Ich hätte nicht erwartet, dass mich ein Abendessen in einem sich drehenden Restaurant auf über 280 Meter über den Dächern einer Stadt so nachhaltig beeindruckt. Zudem war das Essen, eine Mischung aus asiatischem und westlichem ein purer Gaumenschmaus. Auch die Sonne hat sich pünktlich von uns verabschiedet. Alles zusammen hat uns ein wenig wehmütig werden lassen. Ja, bis Singapur sind es noch ein paar Kilometer und ja, ab Griechenland geht's noch viele Tage, sogar Wochen  weiter. Wir sind tatsächlich kurz vor Ende des südlichsten Zipfels von Südostasien geradelt. Auch wenn es gerade in den vergangen Wochen nicht immer nur schön war und wir uns wie kleine Kinder auf das Schiff und Europa freuen, so steuern wir eben auch auf das Ende eines großen Abschnittes unserer Reise zu.

Ausfahrt 

Nach einem Tag mit Erledigungen und einem gemeinsamen Essen mit Satu beladen wir unsere Esel am folgenden Morgen schon sehr früh um genug Zeit für die bevorstehenden 88km zu haben. So entspannt wie unsere Einfahrt war, so anstrengend und Nerven raubend ist dagegen die Ausfahrt. Der Weg, welchen MapsMe als Fahrradroute vorschlägt, wäre zwar schön und hätte entlang eines Flusses geführt, er wird aber immer wieder von Baustellen versperrt. Das heißt für uns immer wieder ausweichen und auf die großen Highways rauf. Wir versuchen die Autoroute. Diese will uns aber immer wieder auf dem Express-Highway locken. Wir fahren einige Male im Kreis. Da sich das GPS-Gerät Immer noch weigert, habe ich keine Ahnung wo wir sind und werde genervt, wenn wir wieder anhalten. Das nervt wiederum Stefan. Wir können zum Wenden auch nicht immer einfach in die Gegenrichtung fahren, da die Spuren baulich getrennt sind. Kurze Zeit später befinden wir uns, uns gegenseitig anschreiend, am Straßenrand wieder und versuchen uns Luft zu machen. Leider haben wir nur uns zwei und dann prallen wir eben, berechtigt oder unberechtigt, auch mal aufeinander. Wir wissen, dass uns dies eigentlich nicht weiter bringt aber was raus muss muss raus. Da wir keine andere Wahl haben, fahren wir einige Minuten später schweigend hintereinander auf einem der Highways. Nach einigen Umwegen kommen wir durch ein ruhiges Wohngebiet und besänftigen unsere Gemüter mit dem traditionellen Frühstück der Malayen. Roti Canai und Tee mit gezuckerter Milch.

Von hier geht es etwas ruhiger weiter. Ich habe zwar die ganze Zeit das Gefühl, dass wir im Kreis fahren aber wir kommen tatsächlich irgendwann in ländlichere Gegenden. Unsere Mittagspause verbringen wir unter dem Vordach einer kleinen Moschee und lauschen andächtig dem Ruf des Muezins. Wir unterhalten uns noch mit einem der Dorfbewohner und bekommen jede Menge Wasser geschenkt. Wider Willen fahren wir weiter durch die Hitze. Nach einer Birnen- und Kekspause haben wir beide eigentlich keine Lust mehr, aber in den Palmenplantagen zu Zelten steht nicht zur Debatte. Es gibt im hohen Gras zwischen den Ölpalmen angeblich viele Schlangen, die wohl nicht ganz ungefährlich sind. 

Bis zum Abend erreichen wir unser Etappenziel und beenden den Tag mit indischem Essen und dem Schauen des 2ten Teils der Dokumentation "Ungleichland" auf unserem Laptop. Unten findet ihr die Links zu dieser Doku-Reihe - sehr sehenswert.

 

Leaving or Entering Kuala Lumpur on Bike. GPX-Track for Download on Strava.

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Kommentare: 1
  • #1

    Rüdiger Miertschink (Dienstag, 14 August 2018 22:05)

    Kuala Lumpur! Hat schon was. In einem sich drehenden Restaurant in luftiger Höhe zu sitzen, hat unbedingt was. Kennen Gaby und ich vom Hotel Ritz in Kapstadt und eben vom KL-Tower. Der Berliner Fernsehturm hat auch so was. Da sind wir aber noch nicht hingekommen, zu weit weg... Sollten wir mal in einen Plan aufnehmen.
    Der Zoff - kommt vor. Da waren wohl die geschliffenen Glasplatten zu dicht aneinander. Bedingt durch Einflüsse von außen. So ist das meistens. Egal. Wenn es nur temporär war, ist doch alles gut.
    Mit dem Fahrrad auf dem Highway - ich würde wahnsinnig werden. Sowohl als Fahrrad- als auch als Autofahrer. Aber ihr seid das inzwischen gewohnt und entsprechend drauf.
    Satu: Er arbeitet viel. Und wenn man in Japan mal in einer Firma arbeitet, dann für immer. Das klingt eigentlich gut. Aber hat auch seine negativen Seiten. Karōshi ist vielen ja bekannt. Ob das so erstrebenswert ist-keine Ahnung. Für die Rentenkasse ist es allemal gut...
    Weiterhin viel Glück.