Eselwandern - Radreise durch Griechenland

Nach einer dezent unruhigen Nacht, direkt unter den Stromleitungen und dem ständigen Gefühl, dass es regnet, wuchten wir unsere Esel vorbei an hunderten von Bienen wieder hoch zur Straße. Es liegen noch ca. 200 Höhenmeter vor uns, bevor wir ein Dorf und damit Wasser sowie die Abfahrt erreichen. 

 

Das kleine Bergdörfchen liegt noch ein bisschen verschlafen da, aber wir entdecken ein älteres Pärchen an einem halbfertigen Haus. Wir bekommen Wasser aus dem Gartenschlauch und ohne zu wissen, wie uns geschieht, sitzen wir wenig später auf der Mauer der unfertigen Terrasse mit zwei Bechern eisgekühltem Wasser in der Hand. Auch der Hund Maggi scheint sich auf meinem Schoß sehr wohl zu fühlen. Die beiden müssen herzlich lachen als wir ihnen erklären, dass der Name des kleinen, weißen Cesar Hundeverschnitts in Deutschland zum Würzen von Gerichten benutzt wird. Nach den üblichen Fragen bekommen wir voller Stolz das kleine aber wirklich feine Haus mit schöner Kombination aus Stein und Holz gezeigt. Aber am meisten beeindrucken uns wohl die Ausblicke auf die wundervollen Berge aus den kleinen Fenstern. 

 

Schwefelbad zum Frühstück 

Wir können uns nur schwer losreißen aber wir wollen ja schließlich weiter. Noch ein paar Kurven und dann braust der Asphalt unter Emil & Emma nur so dahin. Zum ersten Mal auf dieser Reise wissen wir ganz genau wo wir unser zweites Frühstück einnehmen wollen, dank der Tipps eines anderen Radler-Pärchens. Am Fuße des Berges gibt es eine heiße, schwefelige Quelle. Die Sonne hängt hinter einer Wolkendecke und dank des Windes der Abfahrt ist uns angenehm kühl- Fie Vorfreude auf das warme Nass wird damit gleich doppelt groß. Als wir bei einer rostigen und zusammengefallenen Tankstelle abbiegen, erreicht die mit Schwefel getränkte Luft unsere Nasen. Uns kommen zwei leicht bekleidete Trucker mit Handtüchern über der Schulter schwungvoll entgegen. Angekommen, machen wir unsere Esel fest und tauschen die Radlerkleidung gegen die Badesachen. Überall sind Seile gespannt um sich im "reißendem" Strom festzuhalten oder zur Schwefeldusche zu gelangen. Eine Wohltat der besonderen Art. Aufgeweicht taumeln wir wieder hinaus und wie sich herraustellt, zur richtigen Zeit, denn wenig später sind min. 8 andere schwefelhungrige in der schmalen Quelle unterwegs. Wir genießen unser zweites Frühstück in der immer wärmer werdenden Sonne, teilen es mit zwei artigen Straßenhunden und schwingen uns wieder auf die Esel. 


Eselwandern

Nach einer ausgiebigen Mittagspause mit Powernap fahren wir für vielleicht 10 km auf der Hauptstraße um dann rechts einzuschlagen und den heutigen Pass in Angriff zu nehmen. Das Steigungs-und Kilometerverhältnis gleicht dem von gestern. Es ist wieder kurz nach drei und vor uns liegen ca 500 Höhenmeter auf 17 km. Ab dafür! Dachten wir zumindest. Zuerst wird unsere Geschwindigkeit durch das aufsammeln und Retten einer Schildkröte gebremst und dann, naja. Das dumme Phänomen: die Straße sieht absolut gerade aus, es weht ein leichter Wind von der Seite und Emil und Emma fühlen sich an, als wenn sie einen Elefanten ziehen müssen. Nach kurzer Verschnaufpause für unsere Hintern stellen wir fest, dass wir schiebend doch wirklich besser voran kommen und zudem auch mal wieder andere Muskeln trainieren. So kommt es dass wir eine gute halbe Stunde mit unseren Eseln wandern gehen. 

 

Doch auch das geht nicht ewig ohne, dass irgendwann die Arme und der Rücken schreien. Also doch lieber wieder die trainierten Beine in Anspruch nehmen. Einige Steigungen haben es ganz schön in sich. Vorbei an einer Baustelle, inzwischen ist auch kein Asphalt mehr zu sehen, schrauben wir uns in kleineren Serpentinen nach oben. Die Steigungen sind hart. ab 7% werden wir in der Regel schon extrem langsam. Hier haben wir es mit 11% zu tun. Das kann man mit unserem Gewicht kaum noch fahren. Wir brauchen mehrere Pausen. Laut GPS sind es noch 660m bis zum letzten Ort vor dem Pass und damit fast geschafft. Dachten wir zumindest. 

 


Die kommenden Steigungen sind die Härtesten, die wir je überwinden mussten. Die ersten zwei schaffen wir noch mit schmerzverzerrtem Gesicht, etlichen Schweißausbrüchen und Flüchen. Doch die Folgenden...NO Way. Die rauben uns sogar die Luft zum Fluchen. Zuerst müssen wir geschätzte 14% auf zerfahrener, brauner Erde überwinden. Das Dorf ist in Sicht - da wird es dann hoffentlich nicht mehr so steil. Bereits jetzt müssen wir zu zweit in mehreren Anläufen die gefühlt doppelt so schwer gewordenen Räder schiebend hinauf wuchten. Also jeder Weg doppelt - einer am Lenker, einer am Gepäckträger. Bei jedem Schritt laufen wir Gefahr samt Esel wieder einen Meter oder mehr zurück zu rutschen. Wenn es hier mal einen befestigten Weg gab dann haben ihn Regen und Trecker völlig unbefahrbar gemacht. Tiefe Furchen mit losen, dicken und kleinen Steinen machen unsere Haftung fast unmöglich und es heißt für uns auch noch hier und da ein Hochwuchten der Räder.

Am Rande des Dorfes angekommen glauben wir unseren Augen nicht. Hier wird es noch steiler. Wir müssen eine Passage mit etwa 16% Steigung bezwingen. Auch wieder zu zweit. Unfassbar. Hund und Hahn sehen uns dabei zu, bellen und krakehlen.

Zu allem Übel fängt es oben, über dem Pass, wie eigentlich jeden der vergangen Nachmittage, mächtig an zu grummeln und der Himmel wird verdächtig dunkel. Wir gelangen ca. 1 1/2 Stunden später völlig erledigt, unter den ungläubigen Blicken eines kleinen Jungens japsend im Dorf an. Wir wissen, dass wir noch durch das gesamte Dorf hindurch müssen bevor wir dahinter hoffentlich ein Plätzchen für unser Zelt finden. Wir teilen uns die letzten Kekse und sammeln all unsere Kräfte zusammen. 

 

Wir können endlich wieder fahren, doch es geht weiter bergauf. 6% sind immer noch viel. Wir strampeln. Wir kommen im "Zentrum" des Dorfes vorbei, eine Kirche ist zu sehen, eine Art Cafè. Zwei Kurven später, ich bin ein paar Meter hinter Stefan, vernehme ich ein unheilverkündendes Geräusch und keine zwei Meter weiter wird meine Vermutung bestätigt. Ich kann nicht anders als zu fluchen. Ein Platten. Ernsthaft? Jetzt? Ziemlich entnervt schieben wir zurück zur Kirche und flicken unter dem Vordach und den Augen einiger Dorfbewohner das Hinterrad. Als wir endlich wieder im Nieselregen loskommen ist es 19:30 Uhr. Wir halten nach möglichen Grundstücken zum Zelten Ausschau und sind schon fast wieder aus dem Dorf raus als der Platzregen losgeht. Schnell kehren wir um und suchen unter einem kleinem Unterstand Schutz und warten. Vielleicht eine halbe Stunde später sieht es eigentlich wieder ganz okay aus. Wir schieben die Räder wieder gen Steigung. Doch - das kann doch wohl nicht war sein - keine Luft mehr im Reifen. Meine Nerven liegen blank. 

 

Um es einmal dramatisch und damit meiner Stimmung angemessen zusammen zu fassen: es ist kurz vorm dunkel werden, vorm Pass müssen noch ca. 150m Höhe auf 0,7km Länge überwunden werden, Emil hat wieder einen Platten oder den Selben, wir haben seit 14 Uhr gerade mal eine Handvoll Kekse gegessen, es regnet, gewittert und wir wissen noch nicht wo wir schlafen werden. Ich will nicht mehr. 

 

Es dauert etwas, bis wir wieder klarer denken können und beschließen bei der Kirche zu fragen, ob wir da übernachten können. Einer der Herren von vorhin bedeutet uns, die sei zwar geschlossen aber ja wir könnten da unter dem Vordach nächtigen. Kaum stehen die Räder, kommt ein Anderer und winkt uns zu. Wir sollen doch erstmal einen Kaffee trinken. Etwas hin und her gerissen, weil eigentlich wollen wir nur noch unsere Nudeln und in den Schlafsack, nehmen wir unsere Lenkertaschen, folgen dem Winken und finden uns wenig später in einer mollig warmen Dorfkneipe wieder. Schnell ist alle Aufmerksamkeit bei uns und der Besitzer spendiert uns einen Kaffee. 

Eine der anwesenden Damen kann ein wenig Englisch und übersetzt. Als wir erklären warum wir hier sind, spricht sie kurz mit einem der Männer und dann bietet sie uns an, dass wir in der Dorfschule nächtigen könnten. Das nehmen wir dankend an, schlürfen unseren Kaffee aus und folgen ihr in das gegenüberliegende Gebäude. 

 

Dorfschulübernachtung

Die Schule besteht aus zwei großen Räumen. In einem steht ein abgedeckter Billardtisch und ein paar Regale voller Bücher. Der andere ist mit einer Küchenzeile ausgestattet und voller Tische und Stühle. Sogar ein kleines Bad gibt es. Den Schlüssel für die Schultür sollen wir morgen früh in den Stromkasten neben der Tür legen und schon sind wir wieder alleine. Wow. Wir sind einfach nur dankbar für diese Wendung des Abends. 

 

Wir räumen einige Tische beiseite um unser Nachtlager einzurichten. Ich erfreue mich an der Küche und koche Nudeln mit getrockneten Tomaten, Knoblauch und Käse während Stefan sich netterweise um Emils Hinterrad kümmert, wobei es schnell wie in einer schlechten Zweiradwerkstatt aussieht. Wenig später machen wir die Leuchtstoffröhren aus und muckeln uns in unsere Ecke. So schnell sind uns die Augen schon lange nicht mehr zugefallen. 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Till Zimmer (Freitag, 07 Dezember 2018)

    Schön weiterhin von euch lesen zu können. Das klang ja nach einem harten und am Ende doch versöhnlichen Tag. Wir hoffen auf weitere Einträge. Liebe Grüße
    Janine und Till