Containerschiffreise Probleme eines Passagieres

Passagierprobleme

Nach kurzer Zeit an Board treffen wir Anna. Sie ist 19 Jahre alt und genau wie alle anderen Nicht-Offiziere Phillipino. Als Kadett für den Offizierweg als Schiffs-Ingenieur ist sie irgendwas zwischen Crew und Offizieren. Die Nationalität passt zur Crew, die Jobabsichten zu den Chinesen.  Der Captain hat sie in einer der 3 Passagierkabinen auf "unserem" C-Deck untergebracht, da es für sie als einziges weibliches Crewmitglied sicherer sei. Ob das notwendig sei, fragen wir die fröhlich wirkende Offiziersanwärterin. "Jein, ich meine, es passiert schon, auf anderen Schiffen..." 

Oha! Wir interpretieren es so, dass es wohl tatsächlich auf hoher See, auf so engem Raum schon zu Übergriffen gekommen ist. Wie überall auf der Welt... Leider.  Sie fühlt sich hier aber sicher. 

Hinterher sind wir beeindruckt wie dieses junge Mädchen sich als einzige Frau an Board seit Monaten auf diesem Schiff (und anderen) behauptet hat ohne daran kaputt zu gehen. Außerdem hat sie mit ihrer Wahl als Ingenieur-Kadett in einem ohnehin männerdominierten Umfeld (schließlich heißt es ja auch Seemann und nicht Seefrau) auch noch eine Karriere in einer Männerdomäne gewählt. Respekt! 

 

Adressierung

Von ihr erfahren wir, dass man sich an Board in der Regel mit dem Rang und nicht mit dem Namen anspricht. Das macht die Sache in puncto chinesischer Namen für uns tendenziell einfacher. Statt auf gut Glück eine Variante der möglichen Betonungen der Buchstabenreihenfolge Zang zu nutzen, können wir einfach "Chief" sagen und der richtige Mann fühlt sich angesprochen. Chief ist die Kurzform von Chief Mate, was so viel wie erster Offizier heißt. In seinem Fall klappt das ganz gut. Neben ihm gibt es aber auch noch die Ränge 2ter und 3ter Offizier. Das gleiche gibt's auch bei den Ingenieuren an Board. Also Chief Engineer, Second Engineer, etc. Anna hat den 2ten Ingenieur in unserem Beisein mal mit "sec" gegrüßt, also die Kurzform für Second Engineer. Für uns ist es verwirrend wie das gehen soll. Wie spricht man die Leute an, wenn der 2te Offizier und der 2te Ingenieur im gleichen Raum sind? Zu allem Übel gibt es nicht nur einen, sondern gleich zwei 2te Offiziere. Zum Glück können wir den Namen einer der 2ten Offiziere ganz gut aussprechen - Yang - und der andere stellt sich uns der Einfachheit halber mit Jonny vor. Für ein paar der anderen entwickeln wir Spitznamen. Bärchi und Vielfraß zum Beispiel. Mit Yang und Bärchi verbringen wir die meiste Zeit auf der Brücke. Bärchi ist 3ter Offizier und gerade mal 23 Jahre alt. Er hat die Schicht auf der Brücke von 4 Uhr bis 8 Uhr (und 16 bis 20). In der Nacht hat dieser Bub also beinahe allein die Verantwortung für diesen riesigen Kutter... Verrückt. 

 

Wir hüpfen nach unten zum A-Deck. Dort gibt's Essen. Steuerbord liegt die Offiziersmesse. Wir setzen uns auf die uns zugewiesenen Plätze. Jonny sitzt mir gegenüber. Der sogenannte Messman kommt mit einem gefüllten Teller und stellt ihn wie in einem Restaurant vor Jonny ab. Wir gucken dumm. Keiner hat uns gesagt, wie das hier abläuft. Muss man vorher bestellen? Gibt's so eine Art Menü? Muss man jetzt in die Küche gehen und sich ankündigen? Der Messman heißt Ritchie und ist Phillipino. Er sieht relativ jung aus, trägt eine schwarze Hose und ein weißes T-Shirt. Er wirkt still, höflich, beinahe unterwürfig. Eigentlich hat er uns ja gerade wahrgenommen und bringt uns vielleicht auch gleich was, oder? Es ist mal wieder seltsam, man weiß nicht wie das hier funktioniert und irgendjemand hat versäumt es uns zu erklären. Wir fragen Jonny. Der guckt kurz erschrocken und steht sofort auf. Er läuft in die Küche und kommt kurz darauf mit einem Kopfnicken zurück. Dann kommt Ritchie auch schon mit zwei Tellern. Aha, hinsetzen und einfach warten bis der Teller kommt. Eigentlich auch ganz einfach. Zum Schluss geht Jonny noch einmal in die Küche und besorgt uns ein Eis. Cool. Ein Art Cornetto wandert in unsere Bäuche. 

 
Aufstehen oder Nicht?

Beim Abendessen ist dann Full House. Der  Tisch ist voller Chinesen und wir finden uns inmitten vieler Offiziere wieder, von deren Konversation wir nichts verstehen. Wir hören nur chinesisch und warten auf unser Essen. Der Captain sitzt am Kopfende des Tisches und dominiert das Gespräch. Oder nennen wir es mal Monolog. Er redet viel und fast alle sind zum ihm gewandt und lassen ihn reden. Wir werden nicht eingebunden. Der Captain ist der einzige, der die Möglichkeit hätte uns hier am Tisch zu integrieren. Hier beim Essen wäre der einzige Platz um uns Fragen zu stellen und uns der Crew bzw den Offizieren näher zu bringen. Er tut es nicht. Alle anderen scheinen es nicht zu wagen ein Nebengespräch mit uns zu starten, weil ja der Captain spricht. Wir sitzen also und hören dem chinesisch zu während wir quasi unter uns bleiben. Das wird sich die ganze Reise über nicht ändern. Der Captain ist doof. 

Niemand wagt es aufzustehen bevor nicht der Captain aufsteht. Und wir trauen es uns deshalb auch nicht. Wieder so eine Sache, die uns niemand erklärt hat. Ist das Regel auf einem Schiff? Gilt das für uns als Passagiere auch? Ist der Captain dann beleidigt? Müssen wir irgendwas befürchten? Wir werden später dazu übergehen einfach später zum Essen zu erscheinen, so dass wir nicht eine halbe Stunde herum sitzen und einem Typen lauschen müssen den wir nicht leiden können in einer Sprache, die wir nicht verstehen.  Nur in den wenigen Fällen, in denen einige Offiziere noch sitzen bleiben ergeben sich Gespräche mit ihnen. Wir lernen ein bisschen mehr über China und sie hören ein wenig von unserer Reise und über Deutschland. Wir freuen uns über diese Momente, leider sind es zu wenige. 

 

 

Zeigt euch!

Wir wissen, dass es Backbord noch den Speiseraum für die Phillipinos gibt und dort angeschlossen auch deren Aufenthaltsraum. Wir wissen auch von Anna, dass sich die Crew schon über uns unterhalten hat. "habt ihr schon die Passagiere gesehen?", "ja, nein - ich noch nicht" etc. 

Wir wollen uns zeigen und natürlich auch die anderen Leute hier treffen. Doch wie? Man sieht durch die Tür nicht, wie es drinnen aussieht, wer und wieviele im Raum sind. So richtig eingeladen hat uns hierher auch niemand, geschweige denn uns hierher geführt. Die Vorstellung gleich in einem Raum zu stehen in dem man niemanden kennt und einfach so "Hallo" zu sagen lässt uns zögern. Nerven wir die dann vielleicht? Wollen die jetzt überhaupt irgendwie mit uns in Kontakt kommen? 

Wir geben uns einen Ruck. Die alte Frage steht wieder im Raum "Was soll schon passieren?" Im schlimmsten Fall wirds irgendwie peinlich, aber solche Situation haben wir schon öfter überlebt. 

Tür auf! Niemand da!  Das war ja schon beinahe langweilig. Wir nutzen die Zeit um uns ein Bild des Raumes zu verschaffen. Es gibt eine Bar. Allerdings ohne Alkohol, eigentlich sogar ganz ohne Getränke. Gläser gibt's auch nicht. Irgendwie fehlt dieser Bar alles, was eine Bar ausmacht. Ein Fernseherteil-Möbel-Dings mit Flachbildschirm steht linker Hand neben der arbeitslosen Bar. Dort steht auch eine Playstation die wohl sehr lange nicht genutzt wurde. Rechts in der Ecke stehen zwei Sofas im rechten Winkel zueinander um einen kleinen Tisch. Dicht davor steht eine Art Schrankwand mit TV Abteil. Dort wo eigentlich ein Fernseher hingehört liegen eine Elektrogitarre, ein elektronisches Schlagzeug, Verstärker, Lautsprecher. Das hier Musik gemacht wird hatten wir schon mitbekommen - unüberhörbar. Jetzt kennen wir auch die Utensilien dafür. Alles wirkt irgendwie alt, kaputt und unordentlich. Es riecht nach kaltem Rauch. 

Direkt angeschlossen ist auch hier die Messe - der Speiseraum. Wir schleichen uns hinein und werden abermals vom leeren Raum begrüßt. Wir sind ein wenig erschüttert. Uns wird klar, dass es an Bord eine 2 Klassen Gesellschaft gibt. Bei den Offizieren gibt's Platzdeckchen und Wassergläser an langen Tafeln. Hier stehen 4er Tische und auf jedem Stuhl eine große PET Flasche - offenbar personenbezogen. Hier wird auch nicht bedient. Es gibt immer eine Art Buffet. "Wir wissen wie man teilt und alle lassen genug für die anderen übrig." sagt Anna, als wir sie danach fragen. Wir werden noch öfter in den Aufenthaltsraum der Crew gehen, ein paar Pfeile auf die Dartscheibe werfen, ihnen beim Elektrogitarre und Schlagzeug spielen zusehen und hören wie sie immer und immer wieder Lieder von Bon Jovi singen. 


Socken

Gegenüber unserer Kabine gibt es einen kleinen Raum mit Waschmaschine und Trockner. Super! Wir wollen waschen. Unser Entzücken wird ein wenig entzückt als wir einen Zettel auf der Waschmaschine finden, der besagt, dass hier aus hygienischen Gründen keine Socken und Unterwäsche gewaschen werden soll. 

Was? Es ist doch aber eine Waschmaschine! Dafür benutzt man die doch! Diese Reise kostet uns ziemlich viel Geld und ich will doch nicht auch meine Schlüppis per Hand waschen. Das tun wir schon über 1 Jahr lang. 

Die Maschine hier auf unserem Deck wird recht wenig genutzt. Trotzdem ist sie ständig belegt. Die Sportklamotten unseres Lieblings liegen regelmäßig darin herum ohne abgeholt zu werden. Der Captain macht jeden Tag Sport und dementsprechend oft wäscht er seine 5 Teile auch. Und wir? Wir wollen jetzt auch waschen. Was machen wir mit den feuchten Sachen unseres besten Freundes? Einfach rausnehmen? Wenn ja, wohin damit? Direkt in den Trockner? Welches Programm? Schranktrocken? Extratrocken? Oder einfach so oben drauf legen? Es erscheint uns unpassend deswegen auf der Brücke anzurufen. 

Wir entscheiden die Sache auszusitzen und eben regelmäßig nach dem Zustand der Maschine zu schauen. Wir werfen dann sogar unsere Unterwäsche mit rein. Wir sind halt Revolutionäre!

Eines Tages entdecken wir auch eine Socke des Captains einsam in der sonst leeren Trommel. Ich drapiere sie neben das Schild, welches mit Master (Kapitän) unterzeichnet ist.

  

Stefan

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Kommentare: 5
  • #1

    TiMo (Sonntag, 23 September 2018 12:36)

    Ich bin schon ganz gespannt auf den Blockbuster! ;)

  • #2

    Susanne (Sonntag, 23 September 2018 13:26)

    Wann kommt Frachtschiff 3???
    Ich warte ...... ungeduldig

  • #3

    Rüdiger Miertschink (Montag, 24 September 2018 23:15)

    Ich bin begeistert von der Geschichte. Das ist alles sehr spannend und beim ersten Lesen glaubt man fast, das auf dem Dampfer ist eine größere Herausforderung alles andere bisher... Ihr könnt ja nicht einfach die Esel satteln und von dannen radeln. Überall Wasser, was´n Scheiß.
    Bestimmte Sachen sind aber noch ein paar Worte mehr wert. Kommt noch.

  • #4

    Rüdiger Miertschink (Freitag, 28 September 2018 21:19)

    Noch ein paar kleine Anmerkungen:
    Anna: Erstmal klingt der Name recht deutsch bzw. europäisch, sie ist aber Philippina und in eine Männerdomäne eingedrungen. Genau wie Lena, die Architektin. Schon deshalb finde ich die beiden Frauen super. Das mit dem Erklären, wer wann wo Essen hat und warum ist ja auch bei uns manchmal so. Die, die sich das System ausgedacht haben sind der Ansicht, es ist selbsterklärend. In Wirklichkeit ist es aber ähnlich ätzend wie falsch geschriebene Bedienungsanleitungen oder völlig bekloppte Software. Aber ihr habt alles geschafft. Daumen hoch dafür. Dann noch der Satz: „Der Captain ist doof.“ Zum Glück seid ihr nicht mehr auf dem Schiff, falls er das jemals lesen sollte…
    Ja, und der Eindruck von den 2 Klassen ist erstmal schon richtig. Aber auf so einem Dampfer muss eine eiserne Hierarchie herrschen, sonst geht das Boot unter. Klar, das mit der Hierarchie geht so oder so, aber im konkreten Fall können alle damit leben, auch ihr, so ist jedenfalls mein Eindruck.

  • #5

    Till (Sonntag, 30 September 2018 14:23)

    Manchmal treffen es Sätze wie der Kapitän ist doof einfach am besten. Nach euren China Erfahrungen hätte ich ja bei der Anzahl an chinesischen Offizieren erstmal Panik mit Tendenz zur Aggression bekommen. Gut dass ihr stets rebellisch bleibt. Grüße aus Down Under.