Sicherheit

Dienstag den 24.10.2017

 

 

Unsere ersten 20km an diesem Tag verlaufen ohne Probleme. Wir wollen die G315 verlassen und über die Dörfer nach Hotän fahren. Doch daraus wird nix! 

Es ist vermutlich sehr gut, dass ich diesen Beitrag ein paar Tage später als am Tag des Geschehens schreibe. Ansonsten bestünde er wohl zu 90% aus Flüchen und Beschimpfungen, gegenüber der Polizei und der chinesischen Regierung!

 

Sicherheit. Dies ist ein Begriff der etwas all umfassendes wie auch ein ganz persönliches Gefühl beschreiben kann. 

Schon von Anfang an ist unsere größte Gefahr auf dieser Reise der Verkehr! Seit wir die Radwege in Europa verlassen haben, müssen wir wegen der vielen Autos, Trucks und Reisebusse immer sehr wachsam und auf der Hut sein. Toi Toi Toi, bis jetzt sind wir und unsere Drahtesel unversehrt geblieben  aber ein paar Schreckensmomente haben auch wir schon durchmachen müssen. 

 

Zurück zur Einfahrt nach Hotän. Wir fahren auf einer gemütlichen Dorfstrasse, als wir von hinten das uns inzwischen bekannte Sirenengeheul im Schritttempo vernehmen. Weiter vorne an der Kreuzung werden wir von einem Polizisten angehalten und um unsere Pässe gebeten. Auch das ist uns bekannt, also Pässe raus und inkl. Übersetzung dem Polizisten gereicht! Nachdem klar ist,  dass wir aus Deutschland kommen, erklärt uns jener per Übersetzungs-App, dass wir bitte einen Moment auf den Chef warten sollen. Okayyy. Das kann ja was werden denke ich, denn unsere Erfahrungen mit "ein paar Min. warten" in Verbindung mit irgendwelchen Polizeibeamten sind sehr

bislang eher negativ. Aber was bleibt uns anderes übrig? Wir kauen trockenes Brot und warten. Der Beamte ist sehr an uns interessiert und versucht mit der App ein wenig Smalltalk zu betreiben und so wurden aus den paar Minuten inzwischen schon eine halbe Stunde. Wir versuchen zu erfahren, was das Problem ist, aber angeblich gibt es kein Problem.Wir sollen bitte warten. Machen wir ja aber inzwischen schon nicht mehr so gelassen wie zu Anfang. Wir haben Hunger und wollen weiter. Eigentlich hatten wir gehofft in ca. 1 Stunde im Hotel zu sein und den Tag noch nutzen zu können... 

 

In der Polizeistation

Inzwischen stehen oder hocken wir hier schon über eine Stunde herum ohne zu wissen warum. Weiterfahren dürfen und können wir nicht, da der Polizist auch noch unsere Pässe hat. In der Zwischenzeit wurde schon mehrfach telefoniert und einige weitere Beamte kamen und gingen wieder. Dem Polizist ist die Situation sichtlich unangenehm. Aber das ändert auch nix und macht uns nicht besser gelaunt. Geschlagene 1 1/2 Stunden später scheint der besagt Chef endlich Zeit zu haben und wir werden in das Polizei-Gebäude gebeten. Stefan werden Zigaretten angeboten und wir bekommen kaltes und heißes Wasser zum trinken. Es wirkt als wenn sie uns nicht verstimmen möchten, einen guten Eindruck hinterlassen wollen, aber das haben sie sich schon lange versaut. Per Übersetzung bekommen wir so etwas gesagt wir: "Sie mussten warten, aber jetzt kooperieren wir!" Ach, das ist aber freundlich denke ich. Auch wenn wir innerlich ziemlich brodeln, schauen wir unser Gegenüber freundlich an und nicken! Nun geht die ganze Fragerei wieder von vorne los... Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin? Haben sie mit den Uiguren gesprochen? Was ist ihr Job? Und vieles mehr. Das hört sich jetzt alles ziemlich schnell gefragt und beantwortet an. Aber man stelle sich folgende Situation vor... Neben und uns gegenüber sitzen vier Polizisten, einer davon kann die Übersetzungs-App benutzen, der Andere stellt die Fragen und die anderen zwei schauen zu. Bis uns dann eine Frage unter die Nase gehalten wird, vergehen also wieder einige Minuten, bis wir dann die nicht ganz fehlerlose Übersetzung verstanden und unsere Antwort ins Handy getippt haben, wieder Minuten und da diese Antwort ja auch jeder sehen möchte.... . Und das über endlos viele Fragen. Unsere Pässe inkl. Visa werden wieder fotografiert, was nebenbei bemerkt in Deutschland nicht einfach mal so gemacht werden darf (auch nicht von der Polizei) und sie wollen irgendwelche Einreisedokumente von uns haben. Die haben wir aber nicht. Es wird also wieder jmd. angerufen und scheinbar sind diese Dokumente dann plötzlich nicht mehr wichtig. Ich schaue auf die Uhr, inzwischen sitzen wir hier schon wieder eine 3/4 Stunde, ich glaub es nicht. Ich versuche nochmal zu  sagen / schreiben, dass wir in der Stadt ins Hotel wollen und was, wenn es eines gibt, das Problem ist!? Einige Übersetzungen später halte ich mal wieder das Handy mit der Übersetzung in der Hand. Ich bin mir nicht sicher ob ich das richtig verstehe, aber anscheinend schon. Laut den aneinander gereihten Worten auf dem Display steht da sowas wie: "sie können da nicht lang fahren, das ist zu gefährlich. Sie könnten verloren gehen, zu viel Autos. Müssen zurück auf die G315! 40km dann sind sie im Hotel". Mir platzt gleich die Hutschnur! Wir sitzen hier seit über zwei Stunden um jetzt zu erfahren das wir hier nicht lang dürfen. Das kann doch nicht euer Ernst sein. Und zu gefährlich.... dass ich nicht lache. Auf der G315 brausen die LKW's mit 100 Sachen an uns vorbei und es gibt keinen Seitenstreifen. Ich koche und bin kurz davor echt laut zu werden, doch mir ist klar, dass das außer Luft ablassen nichts bringt. Ich versuche noch einmal zu erfahren, warum es zu gefährlich ist und zu erklären, dass es für uns ein Umweg ist und warum man uns das nicht schon viel früher gesagt hat. Aber da ist nix zu machen. Lächelnd wird was von unserer Sicherheit erzählt, aber ich höre schon gar nicht mehr richtig zu! Dürfen wir dann jetzt fahren? Ja dürfen wir, aber sie gehen sogar so weit, dass wir nicht mal mehr alleine zur Hauptstraße zurück fahren dürfen. Wir werden quasi eskortiert, immerhin ohne Sirene. Wir fahren durch drei weitere Kontrollstellen und ich frage mich, warum an der Stelle wo wir reingefahren sind keine Kontrolle war?! Völliger Schwachsinn, wenn die Polizei / Regierung verhindern möchte, dass wir mit den Uiguren in Kontakt kommen und das ist eines deren Anliegen, warum konnten wir dann überhaupt so weit fahren? Während wir hinter dem Polizisten her fahren, fluche ich wie ein Rohrspatz. Nur gut, dass hier niemand Deutsch versteht.

 

Stefan: An der Kreuzung angekommen,

frage ich den Polizisten auf deutsch, ob er wirklich denkt, dass das hier sicherer sei als über die Dörfer zu fahren. 

Er hält mir das Handy hin worauf steht "Sicherheit, Staatsstrasse, blabla" 

Ich werde laut und sage ihm unfreundlich (auf deutsch), ob er diese vielen Trucks nicht sieht und ob er denn bescheuert sei. Daraufhin fängt er wieder an in sein Handy zu tippen. 

Ich winke genervt ab. "Jaja, gib dir keine Mühe mehr, fi** dich du Idiot" 

Irgendwie hab ich mir innerlich gewünscht, dass er das verstehen kann...

Ich fahre zu Lena und wir strampeln zur Hauptstrasse. 

 

 

Nachtrag / Erklärung:

In der Region Xinjiang leben Uiguren, eine  ethnische Minderheit im Land. Da es in der Vergangenheit Unruhen und einige Anschläge gegeben hat, greift die Regierung nun mit allen Mitteln ein um alles im Keim zu ersticken. Dies lässt sich unter anderem an der massiven Polizeipräsenz und den vielen Kontrollen sehen und spüren. Wir als individual-Touristen sind von diesen Kontrollen nicht ausgeschlossen. 

 

Lena

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Rüdiger (Sonntag, 03 Dezember 2017 21:20)

    Hallo ihr beiden,
    habe mir eben mal die neueren Beiträge durchgelesen und auch die Anmerkungen auf der Karte etwas genauer studiert. Alles der nackte Wahnsinn. Und ihr bleibt dann immer noch vergleichsweise cool.
    Wo ihr übernachtet: beim Mönch, einfach so bei Leuten, dann mit einem Hund... Ich bin gespannt auf die Berichte, die dann folgen.
    Nebenbei: auf einem der Bilder habe ich "MILKANA-Käse" gesehen. Den habt ihr doch nicht aus D bis dorthin geschleppt, oder? Aber diese Käserei aus dem Allgäu gehört ja zum Savencia-Konzern aus Frankreich. Trotzdem bestimmt schön, zwischendurch mal ein bekanntes Produkt zu kaufen.
    Das eine Wüsten-Bild, wo die Bäume enden oder beginnen, sieht aus, als ob da die Wüste beginnt bzw. endet. Irre.
    Weiterhin viel Glück.
    Rüdiger

  • #2

    Viola (Dienstag, 12 Dezember 2017 22:04)

    Ist das auf dem Wagen echt alles euer Gepäck?!? Seid ihr mit soviel schon losgefahren? Könnte schwören, es ist mehr geworden. Aber vielleicht war ich bei euren" zwei Abreisen" ja auch woanders mit meiner Wahrnehmung.
    Das Gefährt mit den Kinderfahrzeugen ist der Hit!!
    Und bei deinem Bericht Lena wird mir der Unterschied zwischen geschriebenem und telefonischem Reisebericht natürlich mal wieder ganz deutlich. Am Telefon hat sich das Ganze noch mal eine ganze Nummer bedrückender, dichter angehört. So toll geschriebene Worte sind, es bleiben eben doch eine Menge Infos auf der Strecke.